Deutschlands Doppelrolle im finnischen Bürgerkrieg 1918

18.09.2017
Seppo Hentilä

Da wir demnächst am 6. Dezember 2017 das hundertjährige Jubiläum der Unabhängigwerdung Finnlands feiern, ist es angebracht, auf die Anfänge der politischen und militärischen Beziehungen zwischen Deutschland und Finnland zurückzukommen. Ende Dezember 1917 musste das durch den Weltkrieg und die Revolution geschwächte Sowjetrussland Finnland, das am 6. Dezember 1917 seine Unabhängigkeit erklärt hatte, als souveränen Staat anerkennen. Anfang 1918 bestätigten Schweden, Frankreich, Deutschland und einige andere Staaten Europas ihre Anerkennung an das selbständige Finnland.

Bald danach, Ende Januar 1918, brach ein blutiger Bürgerkrieg in Finnland aus, als die Rotgardisten die gesetzmäßige Regierung in Helsinki stürzen. Das weiße Finnland, das keine eigene Armee besaß, war gezwungen, militärische Hilfe zu suchen. Als Schweden sich neutral erklärte, blieb den Finnen als einzige Alternative sich an Deutschland zu wenden. Diejenigen, die etwas über den Anteil Deutschlands an den Ereignissen der Jahre 1917–1918 in Finnland wissen, meinen für gewöhnlich, dass die militärische Unterstützung von deutscher Seite Finnland aus den Klauen der Roten und der Bolschewiki rettete.

Zweifellos verhalf die Landung der von dem deutschen General Rüdiger von der Goltz befehligten Ostseedivision Anfang April 1918 im Rücken der Roten in Hanko den Weißen zum Sieg über die aufständischen Roten. Die deutsche Unterstützung war vielleicht nicht kriegsentscheidend, verkürzte aber den Krieg und verringerte so auch die Zahl der Todesopfer. Finnland wurde also im Frühjahr 1918 mit Hilfe Deutschlands gerettet, aber weitaus weniger Beachtung hat die Tatsache gefunden, dass Finnland im Herbst 1918 auch vor der Hilfe Deutschlands gerettet wurde. Für dieses Wortspiel braucht man nur zwei verschiedene Präpositionen, mit und vor. Sie genügen, um die wesentlichen Veränderungen, die sich 1918 in der staatlichen Souveränität Finnlands vollzogen, prägnant zu beschreiben. Mit Hilfe Deutschlands ist einleuchtend, aber wieso auch vor dessen Hilfe?

Nachdem die Kämpfe Anfang Mai 1918 beendet waren, blieb die Ostseedivision, rund 13 000 Mann, mehr als ein halbes Jahr lang in Finnland. Als Preis für die militärische Unterstützung lieferte die weiße Regierung Finnlands ihr Land nahezu bedingungslos an das deutsche Kaiserreich aus. Die Staatsverträge, die Anfang März 1918 mit Deutschland geschlossen wurden, hätten Finnland zu einer Kolonie gemacht, auf deren Außenhandel und Naturreichtümer Deutschland nahezu unbegrenzten Zugriff gehabt hätte. Ein solcher Staat wird in der internationalen Politik als Protektorat oder Vasallenstaat bezeichnet. Die Deutschen blieben im Frühjahr 1918 in Finnland, um eine Armee zu gründen, die zur „Stahlfaust des Nordens“ werden sollte. Ihr war die Aufgabe zugedacht, die militärischen Interessen Deutschlands in Nordosteuropa zu verteidigen.

Anfang Oktober wählten die Finnen Prinz Friedrich Karl von Hessen zu ihrem König. Er sollte die Waffenbrüderschaft durch Blutsbande stärken. Im Sommer 1918 wurden Verhandlungen über ein Militärbündnis zwischen Finn­land und Deutschland geführt, in dessen Rahmen die finnische Armee uneingeschränkt dem Befehl des deutschen Generalstabs unterstellt worden wäre. Vor dieser „Hilfe“ wurde Finnland nur dadurch gerettet, dass Deutschland an der Westfront eine Niederlage erlitt, in deren Folge das Kaiserreich Anfang November 1918 zusammenbrach.

 

Warum kamen die Deutschen nach Finnland?

Die finnischen Unabhängigkeitsaktivisten hatten seit dem Ausbruch des Weltkrieges gehofft, Deutschland werde Finnland von den Russen befreien. Deutschland unterstützte die finnische Jägerbewegung, die im Herbst 1914 ihren Anfang genommen hatte, und spornte die Finnen an, die Unabhängigkeit ihres Landes zu erklären. Als diese dann im Dezember 1917 taten wie ihnen geheißen, un­terstützten die Deutschen ihr Vorhaben jedoch nicht mehr besonders aktiv. Deutschland wollte die Frie­densverhandlungen, die es in Brest- Litowsk mit Russland führte, nicht wegen Finnland gefährden. Als diese Verhandlungen dann Anfang Februar überraschend abgebrochen wurden, nahm Deutschland die Kriegshandlungen an der Ostfront wieder auf und eroberte innerhalb einiger Wochen das Baltikum und die Ukraine. In diesen Kontext ordnete sich auch die Entsendung von Truppen nach Finnland ein. Dafür brauchte Deutschland auch aus Finnland einen „Hilferuf“, den der finnische Gesandte in Berlin, Edvard Hjelt, vorbrachte.

Das Eingreifen Deutschlands in Finnland wurde dadurch erleichtert, dass Finnland ein von Russland anerkannter unabhängiger Staat und insofern Freiwild war, als seine Position nicht mehr von den Friedensverhandlungen abhing. Auch der Ausbruch des Bürgerkriegs zwischen Roten und Weißen war für Deutschland ein Glücksfall, denn er lieferte einen hervorragenden Vorwand für die Intervention. Den wahren Grund enthüllte General Erich von Lu­dendorff in seinen Memoiren mit ungewöhnlicher Offenheit: die Landung der Engländer an der Küste von Murmansk. Deutschland befürchtete, dass die Ententestaaten dort eine neue Front bilden würden. Ein zweiter Grund für das Eingreifen in Finnland war Ludendorff zufolge der Gedanke, dass die Deutschen auch nach Wiborg gelangen mussten, da sie bereits auf der anderen Seite des Finnischen Meerbusens in Narwa standen. Von diesen Stellungen aus konnte man bei Bedarf Petersburg in die Zange nehmen und von zwei Seiten einkreisen.

 

Wer lud die Deutschen nach Finnland ein?​

Unter Hinweis auf die oben erwähnte Aussage von General Ludendorff könnte man antworten, dass Deutschland sich de facto selbst nach Finnland einlud. Zu dieser Auffassung gelangt auch der Historiker Tuomo Polvinen, der die deutsche Intervention in Finnland als Teil der Kriegshandlungen untersucht hat, die Deutschland im Februar 1918 im Baltikum und in der Ukraine eingeleitet hatte. Wären die Deutschen auch dann nach Finnland gekommen, wenn die finnische Regierung den erbetenen Hilferuf nicht vorgebracht hätte? Sicher nicht, wenn es nur darum gegangen wäre, den Weißen zu helfen. Aber wenn die Westmächte von Norden her Kampfhandlungen gegen Deutschland eingeleitet hätten, wären die Deutschen mit Sicherheit nach Finnland marschiert, auch ungebeten. In diesem Fall wäre Finnland ein neuer Schauplatz des Weltkriegs geworden. Die Ressourcen der Entente im Norden waren jedoch so begrenzt, dass dieses Szenarium kaum als beachtenswert gelten kann.

In der finnischen Staatsführung sorgte die Bitte um militärische Hilfe aus Deutschland jedenfalls für Verwirrung und Zwist. Die Frage der Verantwortung wurde nachträglich noch lange erörtert. Da die finnische Regierung sich teils in Vaasa und teils im Untergrund in Helsinki befand und keine brauchbaren Verbindungen zur Verfügung standen, musste angesichts der sich rasch wandelnden Situation der finnische Gesandte in Berlin, Edvard Hjelt, die Verantwortung für die Beschlussfassung übernehmen. Die Minister der weißen Exilregierung in Vaasa und Oberbefehlshaber Mannerheim wurden vor vollendete Tatsachen gestellt, erklärten sich aber schließlich bereit, die Hilfe Deutschlands zu akzeptieren. Hjelt sicherte im Namen seiner Regierung auch zu, Finnland werde Deutschland alle Kosten der Intervention erstatten. Um ein Vielfaches schwerer wogen die Verpflichtungen in den Staatsverträgen mit Deutschland, die Hjelt Anfang März 1918 unterschrieb. Wenn sie sich realisiert hätten, wäre Finnland praktisch ein Protektorat Deutschlands geworden.

 

Die Ostseedivision

Der Transport der deutschen Hilfstruppen, rund 10 000 Mann und fast 4 000 Pferde, Waffen, Munition, Verpflegung und Ausrüstung, über die von Packeis bedeckte und stark verminte Ostsee war durchaus kein Kinderspiel. Für die Truppe, die den Namen Ostseedivision erhielt, stand eine Armada von 171 Schiffen unterschiedlicher Art und Größe zur Verfügung. Allein für den Transport von Tierfutter, Trinkwasser und Treibstoff wurden mehrere Schiffe gebraucht.

Die Ostseedivision ging am 3. April in Hanko an Land. Einige Tage später kam eine zweite, etwa 3 000 Mann starke Brigade aus Tallinn über die Ostsee nach Loviisa. Die Kriegshandlungen der Deutschen waren innerhalb von vier Wochen beendet. Gegen die fronterfahrenen Soldaten waren die Roten machtlos. Die Ostseedivision eroberte am 12.–13.4. Helsinki und rückte längs der Hauptbahnstrecke nach Riihimäki und Hämeenlinna vor. Die in Loviisa gelandete Brigade zerstörte östlich von Lahti die Bahnstrecke Riihimäki–Petersburg und unterbrach damit die wichtigste Nachschub- und Fluchtroute der Roten.

Im weißen Finnland galten die Deutschen als selbstlose Helfer, die aus reiner Gutherzigkeit ihr Blut für die Freiheit Finnlands vergossen. Nur wenige waren bereit, zu erkennen, dass die eigentlichen Motive der Deutschen ausgespro­chen schäbig und egoistisch waren. Die eifrigsten Germanophilen hegten das Bild des selbstlosen Helfers wider alle Fakten. Selbst der Kom­mandant der Ostseedivision, General von der Goltz, brachte in seinen Schriften und Reden mehrfach zum Ausdruck, dass die Deutschen in erster Linie im eigenen Interesse nach Finnland gekommen waren. Man wollte ihm nicht glauben, obwohl die Zeitgenossen die Habgier der Deutschen mit eigenen Augen sahen. Die Anfang März geschlossenen Staatsverträge waren nicht gänzlich geheim, und in Finnland wurden durchaus auch kritische Stimmen gegen sie laut.

Die Dankbarkeit gegenüber Deutschland war so groß, dass sie viele daran hinderten, zu glauben, was sie sahen. Der Gedanke, dass Deutschland, die führende Kultur-und Militärnation der Welt, dem kleinen Finnland selbstlos half, war erhebend und schön. Wäre er nur auch wahr gewesen! Und das war er ja, wenn man nur fest genug daran glaubte. Der Glaube ist eine Sache des Gefühls und nicht des Verstandes, wie sich auch in diesem Fall zeigte. Wo immer die Deutschen erschienen, veranstalteten die dankbaren Finnen für sie vielerlei Feste, boten ihnen Feiern und Unterhaltung, in der ganzen Band­breite von hoher Kultur bis zum Tanz im Freien. Von ihren spärlichen Vorräten bewirteten sie ihre lieben Gäste. Infolge der starken Lebensmittelknappheit entstand ein Schwarzmarkt. Schmuggel und Diebstahl, echt deutsche Beschaffungswirtschaft, blühten, und in diesem Bereich waren viele Männer der Ostseedivision äußerst gewieft. Alles in allem war der Alltag der deutschen Waffenbrüder in Finnland recht farbig, auch wenn das Kasernenleben bisweilen abstump­fend wirkte und die Untätigkeit als Plage empfunden wurde.

 

Warum lieferte die finnische Staatsführung ihr Land der Vormundschaft Deutschlands aus?​

Die politische Führung Finnlands, Reichsverweser P. E. Svinhufvud und die Regierung unter J. K. Paasikivi, hielt den Schutz Deutschlands auch nach dem Ende der Bürgerkriegskämpfe für notwen­dig. Sie befürchtete einen vielleicht schon bald ausbrechenden neuen Aufstand der Roten. Noch größere Sorge weckte die Möglichkeit, dass die Bolschewiki erstarkten und die finnischen Roten erneut unterstützen würden. Vor allem für Reichsverweser Svinhufvud war zudem die Eroberung Ostkareliens ein wichtiges Ziel, das ohne die militärische Unterstützung Deutschlands nicht zu erreichen war.

Nicht zu vergessen ist ferner in der Situation des Sommers 1918 die Angst vor der Entente, vor Eng­land und Frankreich. Wesentlich verknüpft ist damit die Rolle von Gustav Mannerheim, der Ende Mai von Svinhufvud und den Deutschen aus seiner Position als Oberbefehlshaber verdrängt wurde. Zusammen mit der Entente könnte Mannerheim die Bolschewiki aus Petersburg und nebenbei auch die Deutschen aus Finnland vertreiben. Wenn in Russland die Zarenherrschaft wiederhergestellt würde, wäre die Unabhängigkeit Finnlands einer entsetzlichen Gefahr ausgesetzt: der neuerlichen Angliederung an Russland, da ja die Entente und die russischen Weißen verbündet waren. Dies erklärt, weshalb weder Svinhufvud und seine Gefährten noch die Deutschen Mannerheim und anderen „Russenoffizieren“ vertrauen konnten, obwohl sie ebenfalls das Ziel hatten, den Bolschewismus in Russland niederzuschlagen.

So spät wie Anfang Oktober 1918 wählten die Finnen Prinz Friedrich Karl von Hessen zu ihrem König. Er sollte die Waffenbrüderschaft durch Blutsbande stärken. Im Sommer 1918 wurden Verhandlungen über ein Militärbündnis zwischen Finnland und Deutschland geführt, in dessen Rahmen die finnische Armee uneingeschränkt dem Befehl des deutschen Generalstabs unterstellt worden wäre.

In Finnland war der Glaube an den Sieg Deutschlands nicht so leicht zu erschüttern. Auf diesen Sieg bauten vor allem Vertreter der politischen Führung wie Svinhufvud und Paasikivi. Sie hatten ihre gesamte politische Zukunft auf die Deutschland-Karte gesetzt. Andere Möglichkeiten verdrängten sie deshalb so weit wie möglich aus ihren Gedanken. Im Frühjahr 1918 waren Svinhufvud und Paasikivi fanatische Freunde Deutschlands geworden, nicht nur aus taktischen, sondern auch aus ideologischen Gründen. So wie sie dachten diejenigen, die mit deutscher Hilfe die Mon­archie einführen und ein Großfinnland erkämpfen wollten. Aber auch die überwältigende Mehrheit derjenigen, die der Monarchie, Deutschland und der Anwesenheit der Deutschen in Finnland ablehnend gegenüberstanden, mussten rein vernunftmäßig noch im Frühherbst 1918 davon ausgehen, dass der Weltkrieg wahrscheinlich mit dem Sieg Deutschlands enden würde. Der Glaube daran hielt umso länger, je fester die Bindung des Betreffenden an Deutschland war. Der größte Unterschied in der deutschen Orientierung der Monarchisten und der Republikaner bestand im Grunde darin, dass die Republikaner sich nach der Niederlage Deutschlands beeilten, die Verbindungen zu Deutschland zu lösen. Im Nachhinein bestritten sie obendrein, jemals deutschorientiert gewesen zu sein.

Aber war es auch dann noch nötig, die immer stärker werdende Bindung an Deutschland zu propagieren, nachdem der Sieg der Weißen gesichert war? Die außenpolitische Linie von Svinhufvud und Paasikivi zerstörte die Beziehungen zu den Staaten der Entente. Großbritannien und die USA erkannten die Unabhängigkeit Finnlands nicht an. Die Westmächte waren nicht bereit, Getreide für die hun­gernde Bevölkerung zu liefern, weil die finnische Regierung sich an ihren Hauptfeind Deutschland an­lehnte. Der naive Idealismus in der Frage Ostkareliens und außenpo­litische Ungeschicklichkeit hätten Finnland im Sommer 1918 beinahe in einen Krieg gegen England geführt. Der akute Grund war, dass finnische Freischaren bei ihren Streifzügen in Petsamo in eine bewaffnete Auseinandersetzung mit den Engländern geraten waren. Den Senatoren jagte die Kriegs­drohung einen gewaltigen Schreck ein. Vor allem Paasikivi und Außenminister Otto Stenroth waren der Ansicht, dass ein Krieg mit allen Mitteln verhindert werden musste. Svinhufvud war weitaus weniger besorgt. Er verließ sich auf das, was von der Goltz ihm gesagt hatte: Die englische Kriegserklärung sei praktisch bedeutungslos, da England sich ohnehin bereits feindselig verhielt.

 

Die Erinnerung an die Waffenbrüderschaft

Nachdem das Deutsche Kaiserreich Anfang November 1918 zusammen­gebrochen war, musste die Ostseedivision Finnland verlassen. Auf beiden Seiten herrschte wehmütige Stimmung, und vielen kamen beim Abschied im Hafen Katajanokka in Helsinki die Tränen, als das letzte Schiff am 14. 12. ablegte. Finnland stand ein politischer Richtungswechsel bevor, den die Staaten der Entente überwachten. Mannerheim wurde der neue Reichsverweser, und Friedrich Karl erlöste die Finnen aus ihrer peinlichen Lage, indem er erklärte, die ihm angebotene finnische Krone nicht anzunehmen.

Das offizielle Finnland konnte aus außenpolitischen Gründen die Erinnerung an die Waffen­brüderschaft nicht offen pflegen. Die in Deutschland entstandene Weimarer Republik, an deren Spitze anfangs die Sozialdemokraten standen, war den finnischen Deutschlandfreunden ein Gräuel. Sie lebten in der Erinnerung an das gute alte Deutschland unter Kaiser Wilhelm und hofften, dass es eines Tages wieder ein solches Deutschland geben würde.

Der Mythos von Deutschland als uneigennützigem Helfer Finnlands wurde in der so genannten Freiheitskriegsliteratur aufrecht­erhalten, die in den 1920er Jahren in großen Mengen erschien. Die egoistischen Motive der Deutschen wurden darin übergangen, und die Abtretung der finnischen Souveränität wurde mit keinem Wort erwähnt. Dieses Bild wurde auch durch die zahlreichen Memoiren finnischer Weißer verstärkt. Im Erinnerungskampf zwischen dem „selbstlosen Helfer“ und dem „habgierigen Imperialisten“ errang der erstere recht bald den Sieg über den letzteren. Als die Zeit verstrich und sich das Kolonialszenarium, das Finnland im Sommer 1918 gedroht hatte, wegen der Niederlage Deutschlands nicht verwirklichte, geriet die zeitgenössische Kritik an der Habgier Deutschlands in Vergessenheit. Dominierend blieb die Erinnerung an die Waffenbrüder als reine Wohltäter. Als sie zu Beginn des Fortsetzungskrieges zurückkehrten, durften sie sich willkommen fühlen.

 

Wie konnte Finnland am Ende eine bürgerliche Republik werden?​

Denken wir einmal an die Stellung Finnlands Ende 1917, zur Zeit des bolschewistischen Umsturzes und des gewalttätigen Generalstreiks im November. Nehmen wir an, dass ein aufgeklärter Bürger über die Konstellationen im Weltkrieg sowie über die Situation und die Ressourcen Russlands und Deutschlands informiert war. Er wusste von den finnischen Jägern in Deutschland und beobachtete die wachsende innere Spannung in Finnland nach der Gründung der Schutzkorps und der Roten Garden. Stellen wir uns vor, man hätte ihn gefragt, wie Finnland in anderthalb oder zwei Jahren aussehen werde, und ihm die folgenden Alternativen vorgelegt:

a) Finnland ist ein zum Russischen Reich gehörendes autonomes Großfürstentum;

b) Finnland ist ein autonomer Teil des „bürgerlichen“ Russlands;

c) Finnland ist ein Teil des von den Bolschewiki beherrschten Russlands;

d) Finnland ist mit Unterstützung Deutschlands unabhängig geworden und wird von einem deutschen König regiert, ist de facto aber ein Protektorat Deutschlands;

e) Finnland ist eine unabhängige Republik, an deren Spitze der Staatspräsident steht.

Mindestens diese sechs Zukunftsperspektiven wären Ende 1917 für Finnland vorstellbar gewesen. Wir wissen seit Langem, wie es ausging. Dennoch lohnt es sich, darüber nachzudenken, wie und warum gerade die Alternative e Wirklichkeit werden konnte. Dafür gab es drei Bedingungen: Deutschland musste im Weltkrieg unterliegen, die Bolschewiki mussten in Rus­sland an der Macht bleiben, und die Weißen mussten im finnischen Bürgerkrieg siegen. Wenn auch nur eine dieser drei Bedingungen sich nicht erfüllt hätte, wäre die Zukunft Finnlands anders ausgefallen.

Quelle: Marjaliisa und Seppo Hentilä, „Saksalainen Suomi 1918“ – Kuinka Suomi pelastui Saksan avulta?“. Siltala, ISBN 978-952-234-384-0.