Zwei Tüftlervölker

23.05.2015
Dr. Sinikka Salo

Deutschland ist für Finnland sowohl aus historischen als auch aus politischen und wirtschaftlichen Gründen selbstverständlich von enormer Bedeutung. Die finnisch-deutsche Zusammenarbeit erweist sich besonders in politisch und wirtschaftlich unsicheren Zeiten wie diesen als besonders wertvoll.

In der deutschen Gesellschaft und Wirtschaft geschieht viel Interessantes. Als Ökonomin möchte ich vor allem die wirtschaftlichen Reformen der letzten Jahre hervorheben. Sicher ist noch allen in Erinnerung, dass man noch vor wenigen Jahren sehr negativ über Deutschland als den „kranken Mann von Europa“ sprach. Mittlerweile hört man ganz andere Töne. Deutschland gilt als ein Musterland, in welchem umfangreiche strukturelle Reformen zur Wiederherstellung der unternehmerischen Wettbewerbsfähigkeit und zur Gesundung der ganzen Wirtschaft umgesetzt wurden.

Dabei soll ganz besonders die Reform der traditionellen deutschen Maschinenbauindustrie unterstrichen werden, welche unter anderem aus dem aktuellen Bericht des Forschungsinstituts der finnischen Wirtschaft, ETLA, ersichtlich wird (Timo Nikinmaa: „Kone- ja metalliteollisuuden visio 2025“ [„Die Vision der Maschinenbau- und Metallindustrie für 2025“, Anm. d. Üb.]). Diesem ist zu entnehmen, dass Deutschland auch zukünftig seine herausragende Stellung unter den produzierenden Industrieländern verteidigen möchte, indem es sich das Know-How der einheimischen Unternehmen in den Bereichen der Programmierung von Produktions- und Ressourcenplanungssoftware sowie der Herstellung von „intelligenten“ Maschinen, Geräten und Transportmitteln zunutze macht. Das Ziel ist, diese Planungsprogramme sowie die intelligenten Maschinen und Geräte über ein Informationsnetzwerk zu weitgehend selbstständigen Systemen zusammenzuschließen. Gleichzeitig hat man vor, die Kunden und Geschäftspartner in immer größerem Maße in die Geschäftsprozesse und Wertschöpfungsketten der Unternehmen zu integrieren. Im Rahmen des durch das Ministerium für Bildung und Forschung der Bundesregierung unterstützten Projektes „Industrie 4.0“ wird die Produktionsstätte der Zukunft entwickelt.

Obwohl man in Deutschland die schrittweise Implementierung der Strategie über einen längeren Zeitraum hinweg anstrebt, konnten schon jetzt bedeutende Ergebnisse erreicht werden. Die Harvard Business Review vom April 2014 war voll des Lobes für die von deutschen Firmen (Schmitz-Cargobull, BMW) unter Zuhilfenahme der neuesten technischen Errungenschaften entwickelten hochmodernen logistischen Lösungen, durch welche die betriebliche Effizienz in höchstem Maße optimiert werden konnte.

Der Artikel weist darauf hin, dass jene Betriebe sich trotz der in Westeuropa geltenden global strengsten Arbeits- und Produktionsmittelauflagen erfolgreich gegen die sehr zahlreiche Konkurrenz in diesen traditionell hart umkämpften Branchen durchsetzen konnten.

Der Erfolg der deutschen Maschinenbauindustrie und des Industrie 4.0-Projektes sind für Finnland aus mehreren Gründen interessant.

Die finnische Kultur ist der deutschen ähnlich. In beiden Ländern wohnt ein „Tüftlervolk“, und auch in der prozentualen Zusammensetzung der Wirtschaftssektoren ähneln sie sich. Beide Länder produzieren Investitionsgüter, hauptsächlich für den Export in sich außerhalb der EU entwickelnde Wirtschaften mit wachsender Nachfrage. Die Maschinenbauindustrie hat in beiden Ländern Tradition, und auch für technisch-wirtschaftliche Zusammenarbeit gibt es eine historische Grundlage.

Als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt wird üblicherweise, dass ein Unternehmen vor dem Export sein Produkt auf dem heimischen Markt zu optimieren und etablieren hat. Der finnische Markt ist jedoch klein, und auch die Ressourcen, die uns hier zur Produktentwicklung zur Verfügung stehen, sind begrenzt. Deshalb müssen wir uns fragen, ob es sich für unsere Unternehmen nicht lohnen würde, engere Beziehungen nach Deutschland zu knüpfen. Beide Länder gehören ja als EU- und Euroländer zum Kerngebiet des stattlichen EU-Binnenmarktes.

Vielleicht gelänge in Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen letztendlich auch der Zugang zum chinesischen Markt besser: Das Vertrauen, das deutscher Qualität und Liefersicherheit weltweit entgegengebracht wird, ist so gewaltig, dass es oft nicht einmal weiterer Qualitätsgarantien bedarf. Auch unser Marketing würde stark von einer Zusammenarbeit mit Unternehmen des großen und finanzstarken Deutschlands profitieren.

Eine engere Zusammenarbeit auch im Bereich von Forschung und Entwicklung sollte unter anderem in Berlin angestrebt werden, welches gerade dabei ist, sich in schnellem Tempo zum wissenschaftlichen und künstlerischen Zentrum der „kreativen Klasse“ zu entwickeln. Das ganze Gebiet Brandenburg mit seinen neuen technischen Universitäten ist nach Expertenansicht auf dem schnellsten Weg, seine zuletzt vor 100 Jahren innegehabte Vorreiterstellung als Zentrum der globalen Ingenieurswissenschaften zurückzugewinnen.

Finnland bietet Bildung, Ausbildung und Wissen auf höchstem Niveau, und vielleicht auch die kleinen Ländern eigene Flexibilität. Deutschland braucht zur Unterstützung seiner eigenen Strategie passende Partner. In verschiedenen Zusammenhängen wurden als mögliche Partner sowohl Israel als auch Finnland genannt – beides IT-Spezialisten. Dieser Ansicht ist beispielsweise auch unser Honorarkonsul Prof. Dr. Jürgen Kluge (siehe „The Next Big Step: The Internet of Things“ – and the winner is Germany, www.juergen-kluge.com).

Summa summarum: Von Deutschland gibt es viel zu lernen, und es bietet Möglichkeiten zur Kooperation. Deutschland ist ein auch geographisch naheliegendes, finanzstarkes Euroland: eine Zusammenarbeit im Bereich der Innovation könnte mit höherer Wahrscheinlichkeit als die mit weiter entfernten Partnern Arbeitsplätze auch nach Finnland bringen. Zusätzlich besteht in Deutschland ein Interesse an Finnland. Ein guter Ausgangspunkt ist der von unserer Stiftung vor einigen Jahren herausgegebene Bericht „Zweihundert Jahre deutsche Finnlandbegeisterung“. Dieses Interesse muss mit allen Mitteln auch im Bereich der deutsch-finnischen Zusammenarbeit in Wirtschaft und Forschung vorangetrieben werden. Die Aue-Stiftung trägt dazu ihren Teil bei, indem sie das Erlernen der deutschen Sprache und das landeskundliche Wissen über deutsche Kultur in Finnland fördert.