Krisen im interkulturellen Vergleich zwischen Deutschland und Finnland – das Aue-Symposium bietete einen Blick auf die kulturelle Dimension von Krisen
14.11.2025Die Aue-Stiftung organisierte am 6. November das vierte Aue-Symposium der Reihe „Culture – archive of the future” unter dem Thema ”Krise: Wahrnehmungen, Entscheidungen und Handeln im interkulturellen Vergleich zwischen Deutschland und Finnland”. Die Veranstaltung fand im Kuppelsaal der Finnischen Nationalbibliothek statt.
Als Expertinnen auf dem Gebiet der Politikwissenschaft und der internationalen Beziehungen aus Deutschland und Finnland nahmen Prof. Dr. Margit Bussmann, Internationale Beziehungen und Regionalstudien der Universität Greifswald und Associate Professor Dr. Johanna Vuorelma, Politologie an der Universität Turku und Forscherin am Centre for European Studies der Universität Helsinki an der Diskussion teil. Die Veranstaltung wurde von Übersetzer und Komponist Dr. Benjamin Schweitzer moderiert.

Das Symposium wurde vom Vize-Direktorin der Finnischen Nationalbibliothek Liisa Savolainen eröffnet. Liisa Savolainen hebte in ihrer Begrüssungsrede die Bedeutung der Nationalbibliothek als Symbol der Kulturidentität und auch allgemeiner die Bedueutung von Kultur als Grundbedürfnis und bei der Aufrechterhaltung der Demokratie hervor. Die Vorsitzende des Vorstands der Aue-Stiftung, Dr. Annamari Arrakoski-Engardt erinnerte in ihrer Eröffnungsrede an die Krisenzeiten, die Theodor Aue, Gründer der Stiftung und seine Familie im 20. Jahrhundert durchleben mussten, und welche Auswirkungen diese Erlebnisse auf die Gedanken und das Weltbild von Theodor Aue gehabt haben. Annamari Arrakoski-Engardt betonte dazu die Bestrebungen der Aue-Stiftung Kontakte und Wechselwirkungen zwischen Finnland und dem deutschsprachige Europa zu schaffen, aber auch aktuelle Themen hervozuheben.
Bei der Veranstaltung wurde die Krise als Phänomen und als Begriff und dessen Wahrnehmung in Finnland und Deutschland im interkulturellen Vergleich diskutiert. Was verstehen wir als eine Krise, was nicht, worüber wird diskutiert, welche Themen werden als Krise von den Medien hervorgehoben und welche Aufgabe haben die Wissenschaftler dabei?
Associate Professor Johanna Vuorelma betonte in ihrer Rede, dass wir gerade Zeiten von vielseitigen Krisen erleben, und dass das Krisenbewusstsein und das Vorbereitetsein für Krisen in Finnland im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern ein fester Teil des nationalen Bewusstseins ist. Nach Vuorelma dominieren zur Zeit im öffentlichen Gespräch und der Politik wirtschaftliche und militärische Krisen, wobei gleichzeitig andere akute Krisen, wie z.B. die Klimakrise oder die Krise im Sozial- und Gesundheitswesen und das Altern der Gesellschaft weniger Beachtung oder Lösungsansätze finden.

Professorin Bussmann beleuchtete, dass auch in Deutschland die Wirtschaftskrise, Krise der Autoindustrie oder auch die Energiekrise im Gegensatz z.B. zur Klimakrise im Vordergrund der Krisendiskussion, Medienberichten und Politik stehe. Als Unterschied zu Finnland wäre die militärische Krise erst mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine in das Bewusstsein der Deutschen gerückt. Margit Bussmann betonte auch, dass man den Begriff „Krise” oft sehr leichtfällig benutzt, und der Begriff schon inflationiert wäre. Auch kleinere gesellschafliche Probleme werden leicht als „Krise” dargestellt, wobei bedeutendere, teils auch globale Krisen im politischen Handeln dagegen fast unbeachtet bleiben.
Die Diskussion endete mit interessanten Publikumsfragen zur Krisenfestigkeit der Europäischen Union und zu akuten und nicht-akuten Krisen und deren Handhabe. Die vielseitige Diskussion wurde von dem musikalischen Auftritt von Pianist und Lektor der Sibelius Akademie Antti Hotti und Werken von Frédéric Chopin (Nocturne E major op. 62 no. 2) und Franz Liszt (Isoldes Liebestod) umrahmt.
Zum Schlus der Veranstaltung fand eine offene Diskussion und ein Empfang statt, bei dem die Teilnehmenden ihre Gedanken austauschen und neue Netzwerke zur Förderung von Kultur und Wissenschaft aufbauen konnten.

Das Symposium wurde in Zusammenarbeit mit der Finnischen Nationalbibliothek organisiert.
Die 1985 gegründete Aue-Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Kultur und Wissenschaft des deutschsprachigen Europas sowie deren Austausch mit Finnland und dem Ostseeraum zu fördern. Die Grundwerte der Stiftung betonen den Schutz der europäischen Vielfalt, der nachhaltigen Entwicklung und der liberalen Demokratie. Das diesjährige Symposium war Teil der Reihe „Culture – archive of the future”, die sich mit den kulturverbindenden Beziehungen zwischen Finnland und dem deutschsprachigen Europa befasst.