Lauri Marjamäki: Auf den Spuren historischer Alltagssprache

Salzburg (Kuva: Lauri Marjamäki)

Den Herbst 2025 habe ich dank einer Förderung durch die Aue-Stiftung und das Ernst-Mach-Stipendium in Österreich verbringen können. Dabei konnte ich meine Dissertation zum Relativsatz in historischer Mündlichkeit annähernd fertigstellen sowie für ein aus der Dissertation erwachsenes Nachfolgeprojekt zur Alltagssprache im 16.–18. Jahrhundert Materialien sammeln. In diesem kurzen Beitrag möchte ich Vorbemerkungen allgemeiner Natur zum erwähnten Nachfolgeprojekt machen. Aber davor nur als kleiner Hinweis: Ich kann das Institut für Germanistik in Salzburg allen, die sich für die heutige Variation des Deutschen und für die deutsche Sprachgeschichte seit dem ausgehenden Mittelalter interessieren, wärmstens empfehlen!

Im österreichischen Staatsarchiv schlummern ungeheure Massen an privaten Korrespondenzen aus der Zeit vor 1800, die bislang hauptsächlich von Historiker:innen berücksichtigt worden sind und deutlich weniger das Interesse der Sprachgeschichtsforschung erweckt haben. Dabei sind manche dieser Briefe unfassbar authentische Zeugnisse nicht nur des alltäglichen Lebens der Leute, die damals die Muße zum Schreiben hatten – in der Regel Adelige oder großstädtische Bürgersleute – sondern auch ihrer alltäglichen Ausdrucksweise.

Ein besonderes Kapitel in der Geschichte dieses alltäglichen Schrifttums stellt der Briefwechsel zwischen dem Ehepaar Ferdinand Bonaventura I. Harrach und seiner Frau Johanna Theresia Harrach in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts dar. Als Gesandter und späterer Botschafter weilte Ferdinand Bonaventura I. häufig im Ausland. Während dieser Zeiten pflegten die Eheleute eine rege Korrespondenz: Manchmal hat Johanna Theresia an ein und demselben Tag sogar mehrere Briefe an ihren Gatten geschrieben. Die Briefe Johanna Theresias behandeln alles Mögliche von den Kindern zum Hofklatsch, vom einfachen Festhalten des Tagesablaufs zu Liebeserklärungen und Gute-Nacht-Wünschen.

Das folgende kurze Zitat aus einem Brief (oder „Tagzettel“, wie die Mischform zwischen Tagebuch und Brief in der Familie Harrach genannt wurde) soll zeigen, wie nahe am Wiener Dialekt die Sprache Johannas ist. Es handelt sich um den Nikolausbesuch am 5.12.1665, der den Kindern zuerst Angst macht, dann aber Freude bringt (Staatsarchiv, FA Harrach, Karton 350).

Vb 7 ist der besteldte nicolä                                         

komen, Von sangt steffän hab ihm ein daller ge=        

schengt, er hadt den kindtern ein guedte anfaldt=       

ihe bredtih gemaht, die sandtel ist aber kleih auff        

die knie gefallen, Vdt hadt nur alleWeill her=             

iseß dir lebih Vdt her Jesuß dir stirbih bedt                 

Vdt nidt Weidter Vordt kindt Vor laudter engsten        

Mir haben gemeindt Vnß zu kranckh lachen, Vdt

der karel Vdt Joseffa hadt kreillih geWeindt

Wie ihm aber der nicolä zeigt hodt doß er

ihm ein hauffen sahen bringt so hadt er Mit

ihm anfongen zu redten, eß ist Woll ein krose

freidt geWest

Ins Gegenwartsdeutsche übersetzt:

Um 7 ist der bestellte Nikolaus von St. Stephan

gekommen, habe ihm einen Taler geschenkt. Er hat

den Kindern eine einfache und gute Predigt gemacht.

Die „Sandtel“ ist aber gleich auf die Knie gefallen

und hat nur „Herr Jesus, dir lebe ich und sterbe ich“

gebetet, vor lauter Angst hat sie nicht weiter

sprechen können. Wir haben gemeint, wir müssten

uns kranklachen. Auch der Karl und die

Josepha haben schrecklich geweint.

Als ihnen aber der Nikolaus gezeigt hat, dass er

einen Haufen Sachen mitbringt, so hat er mit

ihnen zu reden angefangen, da ist es wohl

eine große Freude gewesen.

Aus heutiger Sicht ist es u. a. verblüffend, dass eine hochadelige Person bairisch-österreichische Dialektmerkmale wie die Konsonantenschwächung (daller, geschengt, bredtih) oder die a-Verdumpfung (hodt, anfongen) verschriftlicht. Für das 17. Jahrhundert war es jedoch (zumindest im katholischen Süden) relativ normal, dass Frauen die Sprache des familiären Alltages auch im Schriftlichen bis zu einem gewissen Grad beibehielten. Es ist davon auszugehen, dass die Erstsprache der adeligen Leute generell ein Stadt- oder Verkehrsdialekt war. Das geschriebene Deutsch im bairisch-österreichischen Raum war bis zu den Reformen Maria Theresias (und entsprechenden Reformen in Salzburg und Bayern) insgesamt von einer größeren Flexibilität geprägt und unterschied sich auch deutlich vom nördlicheren „Protostandard“, der sich in Sachsen und Norddeutschland im Gefolge Martin Luthers und der Sprachgesellschaften entwickelt hatte. 

In der Folge möchte ich die Texte, die ich während des Herbstes und davor für meine Dissertation gesammelt hatte (zum Teil sind es auch bereits edierte Texte), als Korpus aufbereiten und die Sprache des Ehepaares Harrach – vielleicht auch anderer Personen – einer genaueren Studie unterziehen, um den Usus der Varietäten im Alltag besser zu verstehen. Interessant ist im Falle der Harrachs auch die Deutsch-Spanisch-Mehrsprachigkeit, dazu aber vielleicht in einem anderen Blogpost mehr. Zuerst muss die Dissertation abgegeben und verteidigt werden…

Ein paar weiterführende Literaturhinweise:


Mihm, Arend (2022): Weiblicher und männlicher Sprachhabitus. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 144 (4), 495–544.

Pils, Claudine (2000): Stadt/Raum – Alltagsraum. Die Tagzettel der Johanna Theresia Harrach in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Wien (Dissertation).

Wiesinger, Peter (2005): Soziologisches und Linguistisches in Briefen österreichischer Adeliger des ausgehenden 17. Jahrhunderts. In: Études Germaniques 60 (2), 353–390.

Text und Bild: Lauri Marjamäki