Michael Rießler: Ein deutscher finnlandschwedischer Wikipedianer

„Am Helsingforser Platz in Berlin fährt die Straßenbahn durch eine Art finnische Schärenlandschaft.“ Mit diesem Aufhänger unter der Rubrik „Schon gewusst?“ wurde mein Artikel am 3. März 2026 auf der Wikipedia-Startseite präsentiert. (Foto: Sebastian Rittau, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Am 3. März dieses Jahres wurde mein Wikipedia-Artikel über den Helsingforser Platz in Berlin (https://de.wikipedia.org/wiki/Helsingforser_Platz) auf der Startseite der Wikipedia in der Rubrik „Schon gewusst?“ präsentiert. Ausgangspunkt für diesen Artikel war der Name „Helsingfors“, der im Deutschen zunehmend in Vergessenheit gerät, obwohl er noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gebräuchlich war. Wie ich bei meinen Recherchen feststellen konnte, sorgt der Name sogar in Finnland für Fragen: Die damalige Pressereferentin der finnischen Botschaft in Berlin, Merja Sundström, spekuliert in einem nicht ganz geschichtsfesten Blogbeitrag (https://blogit.ulkoministerio.fi/berliini/kuka-tuntee-helsingforser-platzin-berliinissa/) darüber, warum ein Platz in der deutschen Hauptstadt ausgerechnet den schwedischen Namen Helsinkis trägt.

Dass Finnland eine offiziell zweisprachige Republik ist, gehört zum Grundwissen und wird in einschlägigen Wikipedia-Artikeln korrekt dargestellt. Weniger sichtbar sind jedoch die feinen Unterschiede und gesellschaftlichen Nuancen dieser Zweisprachigkeit. Die Perspektive von Minderheiten bleibt in vielen Artikeln unterbelichtet. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Wikipedia von Individuen geschrieben wird, die ihre Themen zwangsläufig durch die eigene Perspektive betrachten. Im Kern des Begriffspaars „Majorität–Minorität“ liegt dabei, dass fast alle zur ersten und fast niemand zur zweiten gehört – auch die Wikipedianer.

Global dominiert die englischsprachige Wikipedia – sowohl quantitativ als auch in ihrer thematischen Ausrichtung. Entsprechend ausführlich sind Themen rund um englischsprachige Gesellschaften dokumentiert. Hinzu kommen global verbreitete Phänomene wie Populärkultur oder Fußball, deren Protagonisten bis in untere Ligen hinein detailliert beschrieben werden. Gleichzeitig besitzt nicht einmal die Hälfte der Preisträger des Karl-Emil-Tollander-Preises  – des höchstdotierten Literaturpreises Finnlands – einen eigenen Artikel auf Englisch.

Ein ähnlicher Effekt zeigt sich auch in der finnischsprachigen Wikipedia: Sie spiegelt vor allem die Perspektiven der finnischsprachigen Mehrheit wider. Das schwedischsprachige Finnland tritt dabei seltener in den Vordergrund. Und auch nicht-finnische Autoren, die über Finnland schreiben, scheinen durch eine finnisch getönte Brille zu blicken. Ein Beispiel: In mehreren Sprachversionen der Wikipedia (darunter Englisch, Französisch, Portugiesisch und Spanisch) wird die finnische Nationalhymne unter dem finnischen Titel Maamme geführt, obwohl sie mit Vårt land auch einen gleichberechtigten schwedischen Namen besitzt – und der ursprüngliche Text sogar auf Schwedisch verfasst wurde.

Auch in der deutschsprachigen Wikipedia war lange Zeit Maamme das Lemma, bis ich mich vor zwei Jahren erfolgreich für die neutralere Bezeichnung „Nationalhymne Finnlands“ eingesetzt habe. Gegen diesen Vorschlag wurde unter anderem argumentiert, der finnische Name sei für das nationale Selbstverständnis wichtiger, da weniger Menschen die Hymne auf Schwedisch sängen. Eine solche Quantifizierung von „Nationalbewusstsein“ ist allerdings problematisch, weil sie implizit das Bewusstsein der schwedischsprachigen Bevölkerung gegenüber ihrem Heimatland als weniger relevant erscheinen lässt. Für entsprechende Unterschiede gibt es keinerlei belastbare Hinweise. Vielmehr handelt es sich um ein klassisches Beispiel für das, was in der Forschung als „Bias“ bezeichnet wird: eine unbewusste, aber systematische Verzerrung der Wahrnehmung.

Solche Verzerrungen finden sich sogar in der schwedischsprachigen Wikipedia. Auch dort bestehen erhebliche Lücken bei finnlandschwedischen Themen. Viele Autorinnen und Autoren schreiben primär aus der Perspektive Schwedens: Die gemeinsame Sprache verbindet, ersetzt aber nicht die spezifisch finnlandschwedische Erfahrung – und oft fehlt schlicht das Interesse.

Genau hier setzt das finnlandschwedische Wikipedia-Projekt Fredrika (https://projektfredrika.fi/) an. Ziel ist eine ausgewogenere Darstellung Finnlands in der Wikipedia, in der auch die schwedischsprachige Minderheit angemessen berücksichtigt wird. Die Hauptarbeitssprache ist Schwedisch, doch auch die Wikipedia-Versionen auf Englisch, Deutsch und Finnisch stehen im Fokus.

Die Bedeutung dieser Arbeit reicht inzwischen weit über Wikipedia hinaus. Große Sprachmodelle wie ChatGPT werden unter anderem mit Wikipedia-Inhalten trainiert – und übernehmen dabei nicht nur vorhandene Wissenslücken, sondern verstärken bestehende Verzerrungen oft noch. Ein erklärtes Ziel von Fredrika ist es daher, diesen „KI-Drachen“ mit besseren, ausgewogeneren Daten zu füttern, damit auch weniger sichtbare Perspektiven – wie die finnlandschwedische – künftig angemessen repräsentiert sind.

Während Fredrika stark auf strukturierte Daten und die systematische Erschließung von Wissensbeständen setzt, verfolge ich in meiner eigenen Wikipedia-Arbeit zusätzlich ein anderes Ziel: gutes Schreiben. Ein Universallexikon ist mehr als eine Datenbank, es ist ein sprachliches Werk. Im besten Fall lädt es zum Weiterlesen ein, eröffnet neue Zusammenhänge und vermittelt auch unerwartete Einsichten. Deshalb interessiert mich nicht nur, was geschrieben wird, sondern auch wie.

Natürlich arbeite auch ich nicht ohne eigene „getönte Brille“. Als in Finnland eingebürgerter Deutscher, der sich sprachlich ins Schwedische assimiliert hat, bringe ich eine bestimmte Perspektive mit. Gleichzeitig reflektiere ich als Wissenschaftler genau solche Wahrnehmungsverzerrungen. Vielleicht hilft mir das, meine eigene Brille zumindest gelegentlich bewusst zu justieren.

Ein Beispiel für ein von mir erschlossenes Thema ist der eingangs erwähnte Helsingforser Platz. Ein anderes ist das schöne Wort pokkaruotsi „Pokerschwedisch“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Pokkaruotsi). Daneben arbeite ich viel an bestehenden Artikeln, insbesondere wenn es um historische Kontexte oder finnlandschwedische Bezüge geht. Häufig werden dort ausschließlich finnische Orts- und und sonstige Namensformen verwendet – selbst dann, wenn schwedische Namen im historischen Kontext besser passen und sie im Deutschen sogar bekannt sind. So wirkt ein Text über Fredrika und Johan Runeberg mit dem Ortsnamen Borgå oft stimmiger als mit Porvoo.

Ähnlich verhält es sich mit der ehemals finnischen Ostseestadt Wiborg. Heute ist im Deutschen zwar die Form Wyborg empfohlen, also die Transliteration der amtlichen russischen Schreibweise. Diese geht jedoch ihrerseits auf das deutsche Wiborg zurück – einen Namen, den deutschsprachige Bewohner der Stadt geprägt haben und der bis vor relativ kurzer Zeit auch international der gebräuchlichste war (neben dem finnischen Viipuri). In historisch orientierten Texten ist deshalb die traditionelle Schreibweise Wiborg (zugleich die schwedische Form) deutlich angemessener. Entsprechend habe ich bereits eine Reihe von Artikeln im thematischen Umfeld dieser Stadt angepasst.

Im Zusammenhang mit Wiborg und darüber hinaus arbeitet das Projekt Fredrika derzeit gezielt am Themenfeld „Deutsche in Finnland“. Grundlage dafür sind die 1638 Biografien des „Biographischen Lexikons Finnland“ (Biografiskt lexikon för Finland), eines von der Schwedischen Literaturgesellschaft in Finnland herausgegebenen Standardwerks, das im Projekt systematisch für die Wikipedia erschlossen wird. Auf dieser Basis konnte eine große Zahl von Personen mit deutschem oder deutschsprachigem Bezug identifiziert werden.

Gerade hier zeigt sich ein großes Potenzial für die deutschsprachige Wikipedia, in der viele dieser Personen bislang gar nicht oder nur unzureichend vertreten sind. Gleichzeitig ist das Thema auch für das finnlandschwedische Umfeld relevant, da zahlreiche eingewanderte Deutsche historisch im schwedischsprachigen Kontext wirkten – in gewisser Weise vergleichbar mit meiner eigenen sprachlichen Biografie.

Wer Interesse hat, kann sich die Projektseite ansehen (https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Projekt_Fredrika/Deutsche_in_Finnland) und direkt mitarbeiten: neue Artikel schreiben oder bestehende aus dem Dornröschenschlaf holen.

Michael Rießler

Michael Rießler ist ein deutscher Einwanderer in Finnland, der sich schwedischsprachig assimiliert hat. Er arbeitet als Professor für Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Ostfinnland. Als Wikipedianer schreibt er rund um seine Forschungsthemen zu Diversität, Minderheit, Mehrsprachigkeit und Kulturkontakt – also im Grunde über sich selbst.