Suvi Porkola: Zwischen Krisen und Hoffnung: Vorstellungen vom Frausein auf den Wahlplakaten der Weimarer Republik
17.03.2026
Es ist mir eine große Ehre, mit dem geteilten zweiten Forschungspreis der Aue-Stiftung für meine Masterarbeit ausgezeichnet worden zu sein. Diese habe ich 2024 im Fach „Deutsche Sprache und Kultur“ an der Universität Jyväskylä mit dem Titel „Eine multimodale Diskursanalyse der Vorstellungen vom Frausein auf ausgewählten Wahlplakaten bei der Wahl zur Nationalversammlung 1919 in der Weimarer Republik“ abgeschlossen.
In meiner Masterarbeit habe ich das Thema meiner Bachelorarbeit – die Wahlplakate der Weimarer Republik – weiterverfolgt. Durch meine persönliche Leidenschaft für Geschichte war mir diese Epoche bereits vor dem Studium bekannt; doch erst durch die Fernsehserie Babylon Berlin wurde ich vollständig in ihren Bann gezogen. Die Serie stellt die späteren 1920er Jahre mit all ihren Höhen und Tiefen dar: düster und spannend, teils historisch glaubhaft, teils überzeichnet. Vielleicht waren es gerade diese Extreme – Elend und Unsicherheit einerseits, Blüte und Freiheit andererseits –, die mich so stark gefesselt haben.
Die Weimarer Republik war auch eine Zeit tiefgreifenden Wandels für Frauen. Sie übernahmen neue gesellschaftliche Rollen, entwickelten neue Lebensstile und Modetrends. Besonders deutlich wurde dies in der Darstellung der sogenannten „Neuen Frau“: einer selbstbestimmten, modernen und im öffentlichen Raum sichtbaren Frau. Als moderne Frau fand ich dieses Bild äußerst faszinierend, auch wenn mir bewusst war, dass es nicht die ganze Wahrheit über die Vorstellungen vom Frausein in dieser Zeit widerspiegelte. Ich fragte mich daher: Wie wurden Frauen in der Politik tatsächlich wahrgenommen, und zwar nicht in der späteren Phase der Republik, sondern direkt nach ihrer Ausrufung und der Einführung des Frauenwahlrechts im Jahr 1918?
Ausgehend von dieser Fragestellung analysierte ich Wahlplakate der größten Wahlsieger bei der Wahl zur Nationalversammlung: der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und der Zentrumspartei. Dabei konzentrierte ich mich auf die Multimodalität der Plakate und wählte ausschließlich solche aus, auf denen menschliche Figuren, insbesondere Frauen, dargestellt sind und Wählerinnen direkt angesprochen werden. Methodisch arbeitete ich mit der multimodalen Diskursanalyse nach Kress und van Leeuwen (1996) sowie Ledin und Machin (2020), die davon ausgeht, dass visuelle und sprachliche Darstellungen gesellschaftliche Verhältnisse sowohl widerspiegeln als auch beeinflussen können.
Die Analyse zeigte, dass der gesellschaftliche Wandel auf den Plakaten sehr deutlich sichtbar wird: Einerseits wird er mit Hoffnung und Offenheit begrüßt, andererseits mit Skepsis betrachtet. Besonders auffällig war die Spannung zwischen traditionellen und modernen Vorstellungen vom Frausein, die sich teilweise sogar innerhalb eines einzelnen Plakats, etwa bei der SPD, manifestiert. Am eindrücklichsten erschienen mir jedoch weniger die hoffnungsvollen Zukunftsvisionen der Parteien als vielmehr die Spuren des Krieges und der politischen Unsicherheit: die ängstliche Frau mit Kindern ohne Mann auf einem Plakat der Zentrumspartei oder die mächtige Germania-Figur über einer zerstörten Stadt auf einem Plakat der DDP.
Zwei Jahre nach dem Schreibprozess meiner Masterarbeit bemerke ich, dass ich mich als Forscherin weiterentwickelt habe und viele Passagen heute anders formulieren würde. Forschung ist jedoch immer auch ein Lernprozess, und dennoch bin ich stolz auf diese Arbeit.
Bei der Reflexion meiner Masterarbeit im Hinblick auf die Ziele der Aue-Stiftung erkenne ich klare Schnittlinien: Von Finnland aus forsche ich zur deutschen Sprache, Geschichte und politischen Kultur und setze mich mit demokratischen Umbruchsprozessen im europäischen Kontext auseinander. Zu den Werten der Stiftung zählt auch die Verteidigung der liberalen Demokratie Europas. Mein Thema passt dazu aus einer historischen Perspektive, denn obwohl die Weimarer Republik nicht eins zu eins mit der Gegenwart vergleichbar ist, lassen sich Parallelen zu den Herausforderungen heutiger Demokratien erkennen. Darüber hinaus leistet meine Arbeit einen Beitrag zum gesellschaftlichen Dialog, der mir persönlich sehr wichtig ist, insbesondere in einer Zeit, in der die Kommunikation zwischen politischen Lagern zunehmend schwieriger erscheint. Als gemeinsamen Wert der Aue-Stiftung und meiner eigenen Forschung verstehe ich die Möglichkeit, Politik kritisch und respektvoll zu diskutieren und auch schwierige Themen frei zu erforschen.
Abschließend möchte ich mich herzlich bei der Aue-Stiftung für diesen Preis bedanken. Mein Dank gilt außerdem Kati Dlaske, der Betreuerin meiner Masterarbeit. Der Preis ermutigt mich sehr auf meinem Weg zur Promotion, den ich im Herbst 2025 begonnen habe.
Quellen
Kress, G. R., & Van Leeuwen, T. (1996). Reading images: The grammar of visual design. London: Routledge.
Ledin, P., & Machin, D. (2020). Introduction to multimodal analysis (Second edition). London: Bloomsbury Academic.
Text: Suvi Porkola, Forschungspreisträgerin der Aue-Stiftung 2025