Rede von Michael Hanf anlässlich des Kulturabendessens des Beirats der Aue-Stiftung am 13. August 2025

Sehr geehrter Herr Botschafter Auer, sehr geehrter Herr Botschafter Pichler, verehrte Gäste, meine Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude und Ehre, heute Abend zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ich danke der Aue-Stiftung herzlich für die Einladung, meine Perspektiven zu einem Thema zu teilen, das uns alle betrifft: die grüne Transformation – und die Frage, wohin sie sich in Europa, und speziell in Finnland, politisch und wirtschaftlich entwickelt.

Ich möchte dabei einen Bogen schlagen vom Kulturaustausch zwischen Deutschland und Finnland hin zu den politischen und wirtschaftlichen Dynamiken, die den europäischen Wandel prägen. Denn beides gehört für mich untrennbar zusammen: kulturelle Begegnungen schaffen Vertrauen und Verständnis – und genau dieses Vertrauen brauchen wir, um die Transformation nicht nur technisch, sondern auch gesellschaftlich und wirtschaftlich erfolgreich zu gestalten.

Wenn wir heute über Nachhaltigkeit sprechen, dann oft in technischen Begriffen: Emissionsziele, Energieeffizienzquoten, Kreislaufwirtschaftsraten. Doch dahinter stehen politische Entscheidungen, wirtschaftliche Interessen – und Werte.

Europa hat sich mit dem European Green Deal ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Klimaneutralität bis 2050. Programme wie „Fit for 55“ sollen die Emissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent gegenüber 1990 senken. Mit „REPowerEU“ reagierte die EU zusätzlich auf die Energiekrise nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine – mit massiven Investitionen in erneuerbare Energien, Energieeffizienz und Wasserstoffinfrastruktur.

Doch dieser Weg ist nicht linear. In vielen Mitgliedsstaaten erleben wir Debatten darüber, wie weit und wie schnell man gehen sollte. Hohe Energiepreise, geopolitische Unsicherheiten und ein schwächelndes Wirtschaftswachstum setzen die Klimaziele unter Druck. Gleichzeitig gibt es auf EU-Ebene einen klaren Vorstoß, regulatorische Anforderungen zu vereinfachen, um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft zu stärken. Ziel ist es, die grüne Transformation nicht durch Bürokratie auszubremsen, sondern Unternehmen den notwendigen Handlungsspielraum zu geben – ohne dabei die Klimaziele aus den Augen zu verlieren.

Aktuelle Studien zeigen, dass viele Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit schnellen Schrittes vorangehen – oft deutlich schneller, als es politische Rahmenvorgaben verlangen. Geschäftsführer und Finanzvorstände sehen Nachhaltigkeit zunehmend nicht nur als kostspielige Verpflichtung, sondern als strategischen Wachstumsmotor. Treiber sind veränderte Kundenbedürfnisse, neue Marktchancen und der steigende Wettbewerbsdruck in grünen Technologien. Instrumente wie die EU-Taxonomie und die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) schaffen zusätzliche Transparenz und Orientierung. Der Markt für grüne Technologien in Europa wächst inzwischen deutlich schneller als die Gesamtwirtschaft – und wer früh handelt, verschafft sich einen klaren Wettbewerbsvorteil.

In dieser europäischen Landschaft spielt Finnland eine besondere Rolle. Politisch hat sich das Land eines der ehrgeizigsten Klimaziele weltweit gesetzt: Klimaneutralität bis 2035. In der Wirtschaft sehen wir eine klare Ausrichtung auf Zukunftsbranchen – den Ausbau erneuerbarer Energien, insbesondere Offshore-Wind in der Ostsee; Batterierecycling und die Weiterverarbeitung seltener Rohstoffe; Innovationen auf Holzbasis; sowie die Nutzung von Digitalisierung und Datenökonomie als Schlüssel für Effizienz und Kreislaufwirtschaft.

Doch die Ausgangslage ist alles andere als einfach. Finnland kämpft aktuell mit hoher Arbeitslosigkeit, einem anhaltend schwachen Wirtschaftswachstum und der Frage, wie ehrgeizige Klimapläne unter diesen Bedingungen finanziert und politisch abgesichert werden können. Die Gefahr besteht, dass ambitionierte Ziele ins Stocken geraten, wenn wirtschaftlicher Druck und gesellschaftliche Sorgen zunehmen.

Deutschland steht vor einer anderen, aber ebenso komplexen Situation. Die Wirtschaft wächst nur schleppend, die Infrastruktur leidet unter jahrelangen Investitionsrückständen, und das politische Klima ist angespannt. Das Erstarken des rechten Populismus verstärkt die Polarisierung in zentralen Zukunftsfragen – auch in der Klimapolitik. Diese Entwicklungen erschweren den notwendigen breiten Konsens, um große Transformationsprojekte langfristig zu tragen. Gleichzeitig muss Deutschland seine industrielle Basis dekarbonisieren und modernisieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Gerade in dieser Lage ergänzen sich Deutschland und Finnland ideal. Deutschland kann von Finnlands Pragmatismus und Innovationskraft lernen – von der Fähigkeit, neue Lösungen schnell zu testen und umzusetzen. Finnland wiederum profitiert von Deutschlands industrieller Stärke, seinen Technologien und Investitionsvolumen. Beispiele wie die Zusammenarbeit in der Wasserstoffwirtschaft oder im Batterierecycling zeigen, wie sich politische Vorgaben und wirtschaftliche Chancen gegenseitig verstärken können, wenn die Zusammenarbeit funktioniert.

Doch damit diese Kooperationen gelingen, müssen Politik und Wirtschaft enger verzahnt agieren. Politische Zielsetzungen brauchen wirtschaftliche Umsetzungskraft – ohne Investitionen, Innovation und funktionierende Märkte bleiben Klimaziele Papiertiger. Umgekehrt braucht wirtschaftliche Transformation gesellschaftliche Akzeptanz. Diese entsteht nicht allein durch Vorschriften, sondern durch Dialog, Bildung und kulturelle Verständigung.

Hier kommt der Kulturaustausch ins Spiel. Er ist kein Nebenschauplatz, sondern eine zentrale Voraussetzung, um gegenseitiges Verständnis aufzubauen und Vertrauen zu schaffen – Vertrauen, das nötig ist, um in einer Zeit geopolitischer Spannungen und ökonomischer Unsicherheiten den Kurs zu halten. Wenn Menschen aus unterschiedlichen Ländern zusammenkommen, Ideen teilen und gemeinsame Projekte starten, entsteht ein Netz aus Kooperationen, das weit über einzelne Vertragsabschlüsse hinausgeht.

Die nächsten fünf bis zehn Jahre werden entscheidend sein. Die EU muss zeigen, dass Klimaschutz, Wettbewerbsfähigkeit und soziale Stabilität miteinander vereinbar sind. Finnland wird beweisen müssen, dass ehrgeizige Ziele auch unter realen Marktbedingungen umsetzbar sind. Deutschland steht vor der Aufgabe, seine industrielle Basis klimaneutral umzubauen, ohne Arbeitsplätze und Innovationskraft zu gefährden.

Für all das brauchen wir mehr als politische Willenserklärungen. Wir brauchen konkrete, grenzüberschreitende Zusammenarbeit – in der Forschung, in der Wirtschaft und in der Zivilgesellschaft.

Und hier schließt sich der Kreis zu unserer heutigen Begegnung: Kultureller Austausch ist die Basis, auf der solche Kooperationen gedeihen. Er schafft das gegenseitige Verständnis, das nötig ist, um nicht nur Ziele zu vereinbaren, sondern auch gemeinsam an ihrer Umsetzung zu arbeiten. Er sorgt dafür, dass wir nicht aneinander vorbeireden, sondern gemeinsam vorankommen – und dass wir selbst in Zeiten der Unsicherheit Kurs halten.

Ich wünsche uns, dass dieser Abend nicht nur kulinarisch nährt, sondern auch geistig. Dass er uns inspiriert, neue Wege zu gehen, über nationale Grenzen hinweg. Und dass wir uns bewusst machen: Nachhaltigkeit beginnt nicht in einem Gesetzestext oder einer Strategie, sondern in den Begegnungen zwischen Menschen – und oft an einem Tisch wie diesem.

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich auf die Gespräche, die folgen.

Von links: Hannes Saarinen, Michael Hanf, Tina Meyn, Lauri Sipponen, Marja Makarow, Paavo Lipponen, Juha Väyrynen, Herbert Pichler, Sandra Reimann, Daniel Rüger, Ritva Koukku-Ronde, Lauri Kivinen, Sinikka Salo, Manuel Müller, Johanna Hovilainen, Jan Feller, Hans-Friedrich von Ploetz, Stephan Auer