Sanne Tschirpke: Art-based DaF-Lehre im finnischen Germanistikstudium. Zwei Beiträge auf der IDT 2025

Ich beschäftige mich seit einigen Jahren mit der Frage, wie ästhetisch-performative und arts-based-Methoden in universitäre Lehr-, Lern- und Forschungsformate des Germanistikstudiums implementiert werden können. Die Grundlage bildet dabei ein holistisches Lernverständnis im Hinblick auf das Zusammenspiel von Sprache, Körper, Interaktion und Handlung (Lakoff & Johnson, 1999; Schewe, 2019). Erkenntnisse aus der Embodied-Cognition-Forschung zeigen, dass Wissen nicht nur kognitiv, sondern auch sensomotorisch und emotional konstruiert und verarbeitet wird. Das Arts-based-Lernen und die Arts-based-Forschung betonen die Bedeutung von Gestalten, Aufführen und Reflektieren als essenzieller Teil der Lernprozesse (Barone & Eisner, 2012). In meinem Forschungsprojekt geht es aus diesem Grund nicht nur um die Anwendung konkreter Lehr- und Lernmethoden, sondern um einen transdisziplinären Ansatz, der Prinzipien aus verschiedenen Bereichen integriert.

Dank der Förderung durch die Aue-Stiftung konnte ich auf der 18. Internationalen Deutschlehrer*innentagung (IDT), die vom 28. Juli bis 1. August 2025 in Lübeck stattfand, sowohl im Rahmen eines wissenschaftlichen Vortrages als auch in Form eines Workshops einige Aspekte meines Forschungs- und Lehrprojekts vorstellen. Die IDT ist das weltweit größte Forum für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. 2025 stand sie unter dem Motto „Vielfalt wagen – mit Deutsch“. Rund 2.750 Lehrkräfte, Forschende und Kulturschaffende aus über 80 Ländern kamen zusammen, um sich in Plenarvorträgen, Podiumsdiskussionen, Workshops und Posterpräsentationen über Themen wie Diversität, Mehrsprachigkeit, Performativität und inklusive Sprachbildung auszutauschen.

In meinem Vortrag „Differenzierung im finnischen Germanistikstudium durch transdisziplinäre, kreative und performative Lehrmethoden – ein kurzer Praxisbericht“, den ich in der Sektion „Innovative Ansätze im Hochschulbereich“ hielt, veranschaulichte ich, wie sich Prinzipien der finnischen „Näppäripädagogik“ in den DaF-Unterricht implementieren lassen und dabei unter anderem Wege zur sprachlichen Binnendifferenzierung eröffnen. Das musikpädagogische Konzept der „Näppäripädagogik“ basiert auf der Volksmusiktradition aus der Region Kaustinen und ist geprägt von Inklusion, gemeinschaftlichem Lernen und performativen Elementen (Järvelä & Huntus, 2014). In der Unterrichtseinheit simulierte ich gemeinsam mit Studierenden unterschiedlicher Sprachniveaus (A1.2 bis C2) eine Pressekonferenz. Ich wählte das Format der Pressekonferenz, weil es ein bekanntes, klar strukturiertes Szenario schafft, das alle Beteiligten unabhängig von ihrer Rolle aktiv einbindet. Allen Anwesenden wurden zunächst Rollen zugeordnet, auch mir als Lehrkraft. Sprachliche Chunks, also vorgefertigte Phrasen und Satzbausteine, wurden vorher – differenziert nach Sprachniveaus – bereitgestellt, sodass sich alle Lernenden anschließend aktiv beteiligen konnten. Meine autoethnografisch dokumentierten Beobachtungen zeigten unter anderem, dass Inklusion und gemeinschaftliches Lernen in performativen Settings die sprachliche Initiative und soziale Teilhabe von Lernenden aller Sprachniveaus innerhalb der Gruppe stark fördern können.

Zusätzlich zum Vortrag leitete ich einen Workshop mit dem Titel „Adaptionen archaischer mündlicher Spiele für den DaZ- und DaF-Unterricht“. Gemeinsam mit den Teilnehmenden wurde an einigen Beispielen erprobt, wie sich Praktiken aus archaischen Singspielen auf verschiedene sprachliche Lernkontexte übertragen lassen. Basierend auf Saastamoinen (1990) stellte ich Methoden vor, die aus traditionellen mündlichen Spielformen stammen, wie z. B. aus dem Throat-Singing der Inuit. Diese Spielformate verbinden Aussprachetraining, Interaktion und kognitive Entlastung (Sweller, Ayres & Kalyuga, 2011). Im Mittelpunkt des Workshops standen Kreativität, Körperlichkeit und sprachliche Steuerung, etwa beim spielerischen Üben von schwierigen Lautpaaren. Der Workshop war sehr gut besucht und zeichnete sich durch eine lebendige, interaktive Atmosphäre aus. Viele Teilnehmende nahmen die präsentierten Konzepte als Anregung auf und brachten eigene Ideen für weitere Spiele ein.

Die IDT bot ihren Teilnehmenden zahlreiche inspirierende Impulse, indem die zentralen Themen der Tagung nicht nur spannend und vielseitig diskutiert wurden, sondern auch in praxisnahen Formaten erlebbar waren. Für entspannte Momente sorgten zusätzliche Angebote wie das „IDT-Fika“ des Goethe-Instituts: eine Gelegenheit, in lockerer Atmosphäre ins Gespräch zu kommen und sich intensiv mit Kolleg*innen aus Nordeuropa und vielen anderen Regionen der Welt auszutauschen.

Mit der Unterstützung der Aue-Stiftung, die mir ein IDT-Stipendium gewährt hat, konnte ich meine Forschung und meine Praxiserfahrungen auf der IDT 2025 präsentieren, wertvolle neue Perspektiven gewinnen und interessante Kontakte knüpfen. Für diese Möglichkeit und Chance bedanke ich mich herzlich.

Literatur

Barone, T., & Eisner, E. W. (2012). Arts based research. SAGE.

Järvelä, M., & Huntus, A. (2014). Näppäripedagogiikka. Kaustinen: Kansanmusiikki-instituutti.

Lakoff, G., & Johnson, M. (1999). Philosophy in the flesh: The embodied mind and its challenge to Western thought. Basic Books.

Saastamoinen, I. (1990). Keiteleen oudompi nuottikirja, eli Johdatus luovaan musiikinopetukseen. Tampereen yliopisto.

Schewe, M. (2019). Fremdsprachen performativ lehren und lernen. In W. Hallet & C. Surkamp (Hrsg.), Fremdsprachendidaktik (S. 345–360). UTB.

Sweller, J.; Ayres, P.; Kalyuga, S. (2011). Cognitive Load Theory. Springer.

Text: Sanne Tschirpke

Dr. phil. Sanne Tschirpke ist promovierte Germanistin und Musikerin. Sie arbeitet als Geschäftsführerin des Verbandes der Finnisch-Deutschen Vereine sowie am Institut für Sprachen der Universität Helsinki als Lehrbeauftragte und als Gastwissenschaftlerin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der performativen DaF-Didaktik, in transdisziplinären Lehrmethoden sowie in Arts-Based Research und Arts-Based Learning im Hochschulkontext.