{"id":2659,"date":"2024-04-23T08:54:23","date_gmt":"2024-04-23T05:54:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.aue-stiftung.org\/?post_type=blog-post&#038;p=2659"},"modified":"2024-05-30T11:52:22","modified_gmt":"2024-05-30T08:52:22","slug":"luise-lieflander-leskinen-margarethe-aue-von-riga-uber-moskau-kokand-und-tallinn-nach-helsinki-2-2","status":"publish","type":"blog-post","link":"https:\/\/www.aue-stiftung.org\/sv\/blog\/luise-lieflander-leskinen-margarethe-aue-von-riga-uber-moskau-kokand-und-tallinn-nach-helsinki-2-2\/","title":{"rendered":"Luise Liefl\u00e4nder-Leskinen: Margarethe Aue \u2013 von Riga \u00fcber Moskau, Kokand und Tallinn nach Helsinki (2\/2)"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Geschichte einer Kosmopolitin vor hundert Jahren\u2026 Teil 2<\/h2>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"352\" height=\"500\" src=\"https:\/\/www.aue-stiftung.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Margarethe_Aue-kansi.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2506\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Neue Gesch\u00e4fte und Herausforderungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Max Aue versuchte sich nun als Lederfabrikant, denn Lederstiefel wurden gebraucht: \u201cF\u00fcr meinen Mann galt es nun, ein neues Arbeitsfeld zu finden, und zwar am liebsten eines, welches f\u00fcr die Verwaltung notwendig und wichtig war. Nun gab es keine Schuhe und Stiefel mehr zu kaufen. Mein Mann wusste, dass es in Samarkand Lederspezialisten gab, und zwar Deutsche. Er beschloss in Zusammenarbeit mit einem guten Bekannten, einem Schweizer, eine Ledergerberei und Stiefelfabrikation zu starten. Der Sownarchos (Wirtschaftsrat von Kokand), dessen Vorsitzender ein anst\u00e4ndiger Mann war, gab meinem Mann Papiere an den Wirtschaftsrat von Samarkand und mein Mann fuhr nach Samarkand, um die Deutschen zu holen.\u201c (S.38)<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das Zugfahren gestaltete sich abenteuerlich in dieser Zeit: \u201eEs gab damals keinen regelm\u00e4\u00dfigen Zugverkehr, man musste erfahren, wann ein Zug abgehen sollte und sich einen Platz erk\u00e4mpfen. Diesmal fuhr mein Mann unter einer Bank liegend nach Samarkand. Aber er brachte die Deutschen tats\u00e4chlich mit.\u201c (S.38)<\/p>\n\n\n\n<p>Familie Ungefucht, wie die Deutschen hie\u00dfen, bestand aus zwei Br\u00fcdern mit ihren Frauen, der Mutter und einer Schwester. Sie sprechen ein Gemisch aus Schw\u00e4bisch und Russisch, das anfangs schwer zu verstehen ist. Sie alle m\u00fcssen nun untergebracht werden.\u201c Wir nahmen den j\u00fcngeren Bruder mit Frau, Mutter und Schwester zu uns. In unserem Vorzimmer wurde ein Herd aufgestellt, das junge Paar bekam unser Wohnzimmer, wo Adam Semkow gewohnt hatte. Mutter und Schwester bekamen meiner Mutter Zimmer, diese zog ins Kinderzimmer.\u201c (S.38) Max Aue und seine Mitarbeiter mieteten am Rande des Dorfes passende Lehmgeb\u00e4ude, kauften Pferde und Wagen und beschafften Tierh\u00e4ute und so konnte die Ledergerberei und Stiefelproduktion beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun stand eine neue Mobilisation bevor, denn die Sowjets brauchten mehr Soldaten im Kampf gegen die Basmatschi. Max Aue entgeht dieser, denn er l\u00e4sst sich von einem alten Milit\u00e4rarzt mit b\u00f6sem Hautausschlag ins Krankenhaus \u00fcberweisen. \u201eAn einem Sonntag kam er heimlich zu Besuch nach Hause. Als Schurik den lang vermissten Papa sah, lie\u00df er meine Hand los und ging die ersten unsicheren Schritte dem Papa entgegen. Er war damals neun Monate alt.\u201c (S.39)<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Sommer 1919 war wieder sehr hei\u00df und da die Familie Aue nun in Kokand bleiben musste, erkrankte der kleine Alexander an der Sommerdarmkrankheit und \u00fcberlebt diese mit M\u00fche und Not. \u201eWieder hatten wir Ursache, gl\u00fccklich und dankbar zu sein, dass unser Kind uns erhalten blieb. Nicht weniger gl\u00fccklich war meine Mutter, deren ganzer Lebensinhalt sich jetzt in dem Kind konzentrierte.\u201c (S.39) Die Taufe von Alexander, genannt Schurik, fand im Herbst 1919 in Kokand statt: \u201eIm Herbst 1919 wurde bei Ungefuchts ein Kind geboren, und zwei Monate sp\u00e4ter kam der Pastor aus Taschkent. Er traute zwei Paare Ungefucht, er taufte deren und auch andere Kinder, und er taufte auch unseren Schurik. Unser T\u00e4ufling ging an meiner Hand dem Pastor entgegen.\u201c (S.39)<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Herbst 1919 wurde auch endlich die Bahnlinie nach Russland wiederhergestellt, denn die K\u00e4mpfe waren gr\u00f6\u00dftenteils beendet. Familie Aue erhielt seit langem wieder Nachrichten aus Archangelsk und Moskau und erfuhr, dass ein Bruder von Max Aue, der als Maschineningenieur in der Waffenindustrie gearbeitet hatte, gestorben war.\u201c Er hatte sehr angestrengt gearbeitet, dabei gehungert, mit dem Resultat, dass er die sogenannte galoppierende Schwindsucht bekam und starb. Es war ein sehr schwerer Kummer f\u00fcr die ganze Familie. Die Witwe, deren Vater Schweizer war, ging mit ihren drei Kindern in die Schweiz und die Kinder sind als Schweizer aufgewachsen. Der \u00e4lteste Sohn sagte sp\u00e4ter \u201aPapa hat uns durch seinen Tod gerettet\u2018, und das stimmte.\u201c (S.39)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alltag in Kriegsjahren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da der Zug nach Russland wieder fuhr, verlassen nun die Hausgehilfin Ida und Jacob Reuter Kokand. Ida und ihre Freundin bringen den Aues in Moskau als Geschenk eine halbe Gans mit und Jacob Reuter sogar ein F\u00e4sschen Butter, ein sehr wertvolles Geschenk in dieser Zeit.: \u201eDie (Butter)hatte mein Mann gegen sein Gewehr eingetauscht, Waffen mussten abgeliefert werden, auf heimlichen Besitz von Waffen stand Todesstrafe. Wir hatten hinten auf dem Hof eine Waschk\u00fcche, deren Dach \u00fcber die Lehmmauer des Nachbargrundst\u00fccks hin\u00fcberhing. Dort auf der Mauer hatte das Gewehr lange gelegen und konnte nun gegen Butter eingetauscht werden bei den Einheimischen, welche Bewaffnung brauchten.\u201c (S.40)<\/p>\n\n\n\n<p>Margarethe Aue musste nun selbst die beiden K\u00fche melken, denn nur ein sechzehnj\u00e4hriger Sarden &#8211; Junge, Ulmas, steht noch als Helfer im Haushalt zur Verf\u00fcgung. Das war nicht immer ganz einfach bei der einen widerspenstigen Kuh: \u201eWenn ich sie melken wollte, band Ulmas ihr erst den Schwanz an ein Hinterbein, dann band er die H\u00f6rner an die Krippe und setzte sich mit einem Stecken in der Hand vor sie hin, dann konnte ich sie melken. Trotzdem geriet sie manchmal mit einem Hinterbein in den Milcheimer.\u201c (S. 40)<\/p>\n\n\n\n<p>Als 1919 Admiral Koltschak endg\u00fcltig besiegt worden war, kam ein Teil der Truppen aus Sibirien nach Turkestan, wo weiter gegen die Basmatschi gek\u00e4mpft wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das bedeutete f\u00fcr Familie Aue wiederum Einquartierung, drei Soldaten werden im Kinderzimmer untergebracht, die Mutter von Margarethe zieht ins Schlafzimmer und der Rest der Familie schl\u00e4ft zu viert im Speisezimmer, das durch zwei gro\u00dfe Schr\u00e4nke aufgeteilt wird. Aber auch dieser Situation gewinnt Margarethe etwas Gutes ab, denn sie betont, dass \u201eunsere Soldaten\u201c nicht ungebildet waren. Sie wurden gleich in die Familie integriert: \u201cDer eine war Student an einer Technischen Hochschule, der andere war Maler und schenkte uns ein h\u00fcbsches Aquarell von unserem Kischlak. Dieser Maler war zu Weinachten unser Weihnachtsmann mit Kapuze und Bart und einem Sack voller \u00c4pfel und N\u00fcsse \u00fcber der Schulter. Nun sollten die Knaben Verschen aufsagen, Fedja konnte das ohne Weiteres, aber Schurik, der sehr sch\u00fcchtern war, hatte sich hinter meinem R\u00fccken versteckt und fl\u00fcsterte mir zu: \u201aMama, das ist doch unser Soldat.\u2018 Aber auch er bekam seine \u00c4pfel und N\u00fcsse.\u201c (S.40) Auch beim Kneten des Weihnachtsbrotteiges halfen die Soldaten und bekamen ihren Anteil davon.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnser Weihnachtsbaum war, wie auch die Jahre vorher, k\u00fcnstlich: in einen Stock bohrte mein Mann L\u00f6cher und in diese L\u00f6cher wurden Tujazweige gesteckt, oben kleine und nach unten hin immer gr\u00f6\u00dfere. Als Geschenke gab es Baukl\u00f6tze, die ein geschickter \u00d6sterreicher angefertigt hatte. So erlebten wir Weihnacht 1919 und Sylvester 1920.\u201c (S.41)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahre 1920 wurde der Emir von Buchara endg\u00fcltig besiegt und das hatte zur Folge, dass die Sieger zur\u00fcck nach Turkestan kamen. Immer h\u00f6here Milit\u00e4rs werden jetzt bei den Aues einquartiert, denn ihr Haus hatte eine funktionierende Wasserleitung und war auch sonst in gutem Zustand. D.h. die Soldaten und Familie Ungefucht mussten nun das Haus verlassen und diesen Kommissaren den Platz \u00fcberlassen. Einer davon, eigentlich Gutsbesitzer aus Smolensk, kam mit Schwester, Sekret\u00e4rin, deren Mann und einem Burschen, er war \u00fcberzeugter Kommunist. \u201eSie lebten sehr spartanisch, das hatte ihn aber nicht daran gehindert, zwei sch\u00f6ne Pferde aus dem Stall des Emirs und einen sch\u00f6nen Teppich mitzubringen. Unsere K\u00fche wurden aus dem Kuhstall auf den Hof verwiesen, wo sie an B\u00e4ume angebunden standen, und die Pferde standen im Stall.\u201c (S.41) Da es drau\u00dfen warm war, war es eigentlich kein Problem \u2013 nur die b\u00f6sartige Kuh machte wieder Schwierigkeiten: \u201eSchlimmer war es, dass unsere b\u00f6se Kuh sich in einer Nacht losriss und der anderen Kuh mit ihren spitzen H\u00f6rnern die Rippen aufschlitzte und ihr au\u00dferdem so starke St\u00f6\u00dfe unters Euter versetzte, dass dieses dick aufschwoll und keine Milch gab. Man riet uns stark erhitzte Ziegelsteine in einen Eimer mit hei\u00dfem Wasser zu tun und diesen unter das Euter zu stellen. Dann wurde die Kuh mit einer Pferdedecke bedeckt, so dass der Dampf wirken konnte. Die Behandlung half wirklich. Wir mussten nun aufpassen, dass die b\u00f6se Kuh richtig fest angebunden war.\u201c (S.41)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pferde des Emirs aber standen auf dem Silber der Familie Aue, das im Stall vergraben war. Nur Margarethe und ihr Mann wussten davon, wie auch von den Geheimf\u00e4chern im Sekret\u00e4r, genannt \u201eRotholzb\u00fcro\u201c, der von ihrem Vater stammte. \u201eWir haben entsetzliche Angst ausgestanden, als bei einer der Haussuchungen gerade dieses B\u00fcro genau untersucht wurde, und zwar suchten sie wohl gerade geheime Verstecke, aber diese Schreinerarbeit war so fein, dass sie nichts fanden, weder meinen Schmuck noch Papiere. Auf solches Verstecken von Wertgegenst\u00e4nden stand Todesstrafe.\u201c (S.41)<\/p>\n\n\n\n<p>Margarethe berichtet in diesem Zusammenhang von einer ersch\u00fctternden Trag\u00f6die bei zwei griechischen Familien, den reichen Seidenz\u00fcchtern Mandala. Einer von ihnen hatte sich schon das Leben genommen, weil er die \u00c4ngste und st\u00e4ndigen Haussuchungen nicht mehr ertragen konnte. \u201eEr hatte eine sch\u00f6ne Frau, auch Griechin, mit Namen Athene, und zwei Kinder. Als die Sowjets immer mehr Geld brauchten f\u00fcr ihren Kampf gegen die Basmatschi, wurde die Frau arretiert und der Untersuchungsrichter versprach, ihr zu helfen und wenigstens einen Teil ihres Schmuckes zu retten, falls sie ihm sagte, wo er versteckt sei.\u201c (S.42) Er verstand es, das Vertrauen der Frau zu gewinnen und sie verriet ihm schlie\u00dflich, dass der Schmuck in den T\u00f6pfen der Palmen im Wintergarten versteckt war. Sie wurde aber danach einfach zusammen mit anderen Gefangenen zum Friedhof gefahren und dort erschossen: \u201eDie Schwestern von Athene, die zum Gl\u00fcck gerade aus Ankara zu Besuch bei ihr weilten, fanden auf dem Friedhof ihre K\u00e4mme. Diese Schwestern nahmen dann die beiden Kinder mit, als sie in Begleitung von zwei \u00d6sterreichern zur\u00fcck nach Kleinasien fuhren. Dieser Vorfall hat uns wohl sehr ersch\u00fcttert.\u201c (S.42) Auch Max Aue wollte sein Gold loswerden. \u201eMein Mann ruhte nicht, bevor er ein St\u00fcck reinen Goldes, das er schon lange besa\u00df, eintauschen konnte gegen ein viel weniger wertvolles Porte-Cigarres, allerdings aus Gold, aber nicht aus ganz reinem.\u201c (S.42)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Visum f\u00fcr Estland \u2013 Kultur und Sitten im damaligen Turkestan<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen konnten jetzt ihre Unabh\u00e4ngigkeit erkl\u00e4ren und in Moskau Konsulate er\u00f6ffnen und da Max Aue in Estland geboren war und dieses auch durch seinen Taufschein beweisen konnte, erhielt er einen estnischen Pass. \u201eVon dem Moment an, als wir den estnischen Pass in H\u00e4nden hatten, wurden wir in Ruhe gelassen \u2013 keine Haussuchungen mehr.\u201c (S.42) Zuvor waren viele B\u00fccher, die dann in die Volksbibliothek gebracht wurden, mitgenommen worden. Zwei chinesische Vasen konnten auf das Flehen der Mutter Margarethes hin gerettet werden. \u201eMein Vater hatte, als Leiter der Teeabteilung der Firma Knoop in Moskau viel mit China zu tun gehabt und besa\u00df darum mehrere wertvolle chinesische Sachen, so auch diese Vasen. Die sollten nun als Volksgut ins Museum und wurden herausgetragen.\u201c (S.43) Da aber die Mutter herzzerrei\u00dfend weint, bekommt sie ihre Vasen wieder. Auch der auf dem Dachboden versteckte Zucker wurde konfisziert. \u201eMerkw\u00fcrdigerweise bekamen wir, als wir keinen Zucker mehr hatten, Geschw\u00fcre, alle der Reihe nach, bis auf den kleinen Schurik. Meine Mutter hatte ihren eigenen gespart und buk nun Biskuitpl\u00e4tzchen f\u00fcr Schurik, hin und wieder bekam auch Fedja ein St\u00fcckchen.\u201c (S.43)<\/p>\n\n\n\n<p>Familie Aue plante nun die Ausreise nach Estland und ist mit dem Verkauf ihres Eigentums besch\u00e4ftigt. \u201eTheoretisch h\u00e4tten wir schon im Jahre 1920 wegreisen k\u00f6nnen, aber die Vorbereitungen und das Liquidieren nahmen ein ganzes Jahr in Anspruch.\u201c (S.43) Sie verkaufen ihr Porzellan und sch\u00f6nes Kristall und ein Usbeke, ein Mohammedaner und eine J\u00fcdin kaufen eifrig die angebotenen Waren. Aber die J\u00fcdin z\u00f6gerte das Bezahlen heraus und erst direkt vor der Abreise gelang es Margarethe, das Geld zu bekommen. Daf\u00fcr musste sie ihr mit Meldung bei der Sicherheitspolizei drohen, um endlich die Bezahlung zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sardische, handgewebte Seide aber kaufte Margarethe, um sie mitzunehmen. \u201eDie Sarden hatten ihre eigene Seidenzucht im Dorfe. Maulbeerb\u00e4ume, deren Bl\u00e4tter den Larven des Seidenspinners als Futter dienen, gab es ja \u00fcberall. Einmal sah ich einem Hofe im Dorf, wie Frauen die Kokons, in welche die Larven sich einspinnen, in Kessel mit kochendem Wasser warfen, um die Larven zu t\u00f6ten. dann fischten sie mit d\u00fcnnen St\u00e4ben die Enden der Seidenf\u00e4den heraus und spulten die F\u00e4den auf ein Rad. Aus diesen Seidenf\u00e4den webten sie auf schmalen Handwebst\u00fchlen ihre Seide, die sie dann auch f\u00e4rbten.\u201c (S.44)<\/p>\n\n\n\n<p>Auch eine Opiumh\u00f6hle lernte Margarethe noch kennen: \u201eBei einem meiner Besuche in der Altstadt f\u00fchrte mein Mann mich in eine sogenannte Opiumh\u00f6hle. Es war recht dunkel da drinnen und nur einige \u00d6llampen brannten, und \u00fcberall sa\u00dfen schweigende Gestalten, die nur hin und wieder einen Zug aus der Opiumpfeife taten, oder auch nicht, wenn sie schon genug hatten. F\u00fcr Fremde, wie wir, hatten diese Menschen gar kein Interesse. Sie waren ganz entr\u00fcckt und starrten mit glasigem Blick vor sich hin oder ins Weite.\u201c (S.44)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Produktion in der Lederwerkstatt hatte Max Aue inzwischen aufgeben m\u00fcssen, denn die Basmatschi hatten die Werkstatt \u00fcberfallen und alles Brauchbare mitgenommen: \u201eEine gro\u00dfe Schar berittener Basmatschi war angebraust, hatte alle Pferde, alle Wagen, d.h. die gro\u00dfr\u00e4drigen Arbas, alles Leder und alle fertigen Stiefel mitgenommen und war davongeritten.\u201c (S.44)<\/p>\n\n\n\n<p>Max Aue richtete nun eine T\u00f6pferei und Geschirrwerkstatt in der Altstadt von Kokand ein, denn es konnte kein Teegeschirr mehr aus Russland importiert werden und nun mangelt es an Teekannen, Teetassen etc. \u201eMein Mann fand in der Altstadt eine passende Werkstatt, wo man Drehscheiben aufstellen konnte. Auch die n\u00f6tigen Spezialisten, zwei \u00e4ltere, w\u00fcrdige Usbeken, hatte er geworben \u2013 die waren ja die Grundbedingung f\u00fcr diese Gr\u00fcndung. Nun wurden die Drehscheiben aufgestellt, der n\u00f6tige Lehm und die Farben beschafft, und nun konnte also auch dieser Betrieb anfangen zu arbeiten. Das war f\u00fcr den Wirtschaftsrat sehr willkommen, und sie unterst\u00fctzten meinen Mann nat\u00fcrlich auf jede Weise.\u201c (S.44)<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Episode, die die Rolle der Frau im damaligen Turkestan beleuchtet, und in der Margarethe als Heiratsvermittlerin fungiert, soll im Folgenden erz\u00e4hlt werden. Sie berichtet, dass \u201eunserem Chaidar-Ali\u201c, ein Usbeke, der Max Aues Grundst\u00fcck am Rande des n\u00e4chsten Dorfes bewirtschaftete und daf\u00fcr die H\u00e4lfte des Ertrages, z.B. Weizen und Baumwolle, bekam, die Frau weggelaufen war. Nun sollte Margarethe Aue zusammen mit einer Frau Hoyer, die gut Usbekisch sprach, ihm eine andere Frau suchen. \u201eAls F\u00fchrer wurde uns ein 14 \u2013 j\u00e4hriger Sardenjunge mitgegeben, der wusste, wo die Heiratskandidatinnen wohnten. Er durfte sie sehen, weil er noch Knabe war. Die Erste gefiel uns nicht &#8211; sie sah blass und kr\u00e4nklich aus \u2013 war scheu und schweigsam und konnte keinerlei Fertigkeiten vorweisen. An die Zweite habe ich keine Erinnerungen, aber die Dritte gefiel uns sehr. Sie sah gesund aus, stand uns Rede und Antwort, konnte guten Plow zubereiten und zeigte uns die sch\u00f6nen Tjubeteiki (M\u00fctzchen), die sie machte, welche alle, M\u00e4nner, Frauen und Kinder tragen. Das war damals keine leichte Arbeit, sie wurden versteift durch Papierr\u00f6llchen, die zwischen Seidenstoff und Futter vom Rande zur Mitte hin mit der Maschine hineingesteppt wurden \u2013 ein R\u00f6llchen, eine Naht, ein R\u00f6llchen, eine Naht usw. Au\u00dferdem wurden diese M\u00fctzchen sehr reich verziert mit h\u00fcbschen Stickereien in sch\u00f6nen Farben. Die meisten Frauen im Dorf besa\u00dfen N\u00e4hmaschinen, die Singer auf Abzahlung, ein Rubel pro Monat, verkaufte.\u201c (S.45)<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Frau empfahlen Margarethe und Frau Hoyer Chaidar-Ali, aber sie war zu teuer und er nahm die erste Frau, die billiger war. Aber auch diese lief ihm nach einiger Zeit wieder davon, denn er hatte sie schlecht behandelt. \u201eAls sie aber zu ihrem Vater zur\u00fcckkam, wollte dieser sie nicht zur\u00fccknehmen, denn er sagte, es sei alles bezahlt und nun m\u00fcsse sie bei ihrem Manne bleiben. Ich erinnere mich nicht, wie dieses sehr gew\u00f6hnliche kleine Drama endete, aber ich erinnere mich gut, dass eine der Frauen von Chaidar-Ali, wahrscheinlich die erste, zu mir kam und mir die Spuren seiner Schl\u00e4ge an ihrem K\u00f6rper zeigte.\u201c (S.45) Margarethe f\u00fchlte sich hilflos in dieser Situation, sie konnte nur versuchen, mit den Beteiligten zu reden, wobei der Erfolg ungewiss war.&nbsp; Sie kommentiert: \u201eIch kann nur wiederholen, dass die Befreiung der Frau durch die Sowjetunion eine notwendige Tat war.\u201c (S.45) Dennoch betont sie, dass Chaidar-Ali eine wichtige Person in ihrem Kokander Leben war, und er hing mit gro\u00dfer Anh\u00e4nglichkeit an Max Aue. \u201eIch erinnere mich deutlich, wie er von uns Abschied nahm, als wir wegfahren sollten. Ich sah ihm nach, er ging ganz langsam und mit h\u00e4ngenden Schultern, man sah ihm seinen Kummer an.\u201c (S.45)<\/p>\n\n\n\n<p>Auch andere, allt\u00e4gliche Probleme gab es im Leben der Aues jetzt, wie z.B. der Kampf gegen Ungeziefer, das durch die Zwangsmieter mitgebracht wurde. Es gab Wanzen in den Betten und auch winziges Ungeziefer im Reis, das durch Ausbreitung auf einem Tisch in der hei\u00dfen Sonne vernichtet werden konnte. Auch die H\u00fchner hatten Ungeziefer, das ihre Haut durchfra\u00df, aber durch Einreiben mit Petroleum konnte mindestens ein Teil von ihnen gerettet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer mehr Freunde der Aues reisten ab, mit einem am offenen Feuer zubereiteten Plow und selbstgebranntem Pfirsichschnaps wurde im Garten Abschied gefeiert. Der Erfindungsgeist der Aues ist wieder gefragt, denn es gibt keine Elektrizit\u00e4t: \u201eUnsere Beleuchtung war sehr originell. (\u2026) Wir f\u00fcllten unsere Pokale mit Baumwoll\u00f6l, drehten Dochte aus Watte und zogen die Dochte durch die \u00d6ffnungen von den Porzellankn\u00f6pfen, durch welche damals die elektrischen Leitungen gezogen wurden, die an den Fu\u00dfb\u00f6den und an den W\u00e4nden entlang offen liefen. Diese Kn\u00f6pfe wurden mit Draht umwunden und die Enden des Drahtes auf den Rand der Weingl\u00e4ser gelegt. Der Docht sog sich voll und gab ein sch\u00f6nes Fl\u00e4mmchen.\u201c (S.46)<\/p>\n\n\n\n<p>Da der letzte Winter 1920\/21 sehr kalt war, musste mit Saksaul, einem Strauch, der in der W\u00fcste w\u00e4chst und gute Hitze entwickelt, und Briketts aus Schalen der Baumwollsamen geheizt werden. Der kleine Schurik hustete viel und als Margarethe in einer kalten Nacht aufstand, um ihm hei\u00dfe Milch zu holen, sagt der Zweieinhalbj\u00e4hrige zu seinem Vater: \u201e\u2018Papa, gib Mama deinen Schlafrock. Es ist kalt.\u2018 Dieser Schlafrock war n\u00e4mlich sehr warm \u2013 aus einheimischer Seide und wattiert. Diese \u00c4u\u00dferung des kleinen Kerlchens machte Eindruck auf mich,\u201c (S.47) kommentiert Margarethe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Abreise aus Kokand und letzte Vorbereitungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nun mussten die Aues Verwalter f\u00fcr ihr Haus finden, denn obwohl das Grundst\u00fcck enteignet worden war, geh\u00f6rte das Haus noch Margarethe Aue. Eine gute Bekannte, eine Witwe mit zwei Kindern, verwaltete das Haus einige Jahre lang und verkaufte es schlie\u00dflich in ihrem Auftrag. Da das Geld in Russland bleiben musste, wurde es an den j\u00fcngsten Bruder von Max Aue \u00fcberwiesen, der gerade in Moskau ein Haus gebaut hatte, und es reichte gerade f\u00fcr den Zaun um das Grundst\u00fcck herum.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZu unseren Reisevorbereitungen geh\u00f6rten verschiedene Impfungen \u2013 gegen Cholera, gegen Unterleibstyphus, gegen Fleck- Typhus, der damals oft vorkam, vielfach mit t\u00f6dlichem Ausgang.\u201c (S.47) Auch f\u00fcr ausreichend Proviant f\u00fcr die lange Reise nach Estland musste gesorgt werden. 1921 war ein gro\u00dfes Hungerjahr in Russland, aber in Turkestan gab es Weizen, denn in der Zeit, als das Land von Russland abgeschnitten war, hatte man weniger Baumwolle und stattdessen Weizen angebaut. Also begann Margarethe viel Brot zu backen, das dann in haltbaren Zwieback verwandelt wurde. \u201eUm Brot zu backen, muss man Hefe haben, aber die gab es nicht zu kaufen, man musste sie auch selbst herstellen. Aus Hopfen, Rosinen und Mehl wurde ein Teig gemacht, den man ordentlich g\u00e4ren lie\u00df, danach wurde er in Kleie gerollt und getrocknet und ergab eine ganz effektive Hefe.\u201c (S.47) Au\u00dferdem hatte Max Aue usbekische Fettschwanzschafe gekauft, deren Schw\u00e4nze aus reinem Fett bestehen und ca. 1,5 \u2013 2 kg wiegen k\u00f6nnen. Margarethe beschreibt die Zubereitung dieses sehr wichtigen Proviants: \u201eKurz vor unserer Abreise berief mein Mann zwei Mekka \u2013 Fahrer zu uns, die sich auf Zubereitung von Wegkost f\u00fcr lange Reisen verstanden. Sie schlachteten die Schafe, zerlegten das ganze Fleisch mit Knochen in St\u00fccke, und diese St\u00fccke wurden dann in einem gro\u00dfen Gef\u00e4\u00df auf offenem Feuer im Garten in dem Schwanzfett mit Zwiebeln und Salz gekocht, und zwar stundenlang. Dieses gro\u00dfe Gef\u00e4\u00df mit Schaffleisch, nebst dem Zwieback und getrocknetem Obst hat nicht nur uns w\u00e4hrend der Reise ern\u00e4hrt, sondern auch unseren Verwandten in Moskau sehr geholfen.\u201c (S.48)<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam n\u00e4herte sich der Tag der Abreise, der 11. August 1921, an dem der Zug von Kokand mit einem Sammeltransport f\u00fcr alle, die das Land noch verlassen wollten, abfahren sollte. Einen Monat vorher, am 11.Juli wurde Schura (Alexander) drei Jahre alt und Margarethe beschreibt, wie dieser Kindergeburtstag gefeiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMit einer Gruppe von Kindern und einem Korb mit selbstgebackenem Kringel und Saft gingen wir auf die Namanganka, d.h. zu der Bahn, die nach Namangan f\u00fchrte. Es gab ja damals kaum Zugverkehr und kein Beamter war zu sehen, daf\u00fcr stand auf den Schienen eine unbenutzte Draisine, d.h. eine Plattform auf R\u00e4dern, die sich mit einem Hebel, den man hin- und her bewegte, fortbewegen lie\u00df.\u201c (S.49) Sie beschreibt, wie die Kinder sich k\u00f6stlich am\u00fcsierten beim Fahren auf der Draisine, wobei man sich zwischendurch mit Saft und Kringel st\u00e4rkte.<\/p>\n\n\n\n<p>Max Aue desinfizierte nun den G\u00fcterwagen, mit dem die Familie reisen will, mit einem Schlauch und hei\u00dfem Dampf von einer Lokomotive. Auf halber H\u00f6he wurden Plattformen eingebaut, dort schliefen die vier Aues auf Matratzen. Darunter war das Gep\u00e4ck verstaut. Die Mutter Margarethes konnte nur liegend reisen, weil sie sehr geschwollene Beine hatte, und f\u00fcr sie wurde ein Bett an der Wand unten neben der T\u00fcr bereitgestellt, sowie ein Klappstuhl auf Stangen, so dass dieser getragen werden konnte. Obwohl schon Aufregung herrschte, als Margarethe mit ihrer Mutter etwas sp\u00e4ter eintraf, ging der Zug noch lange nicht ab, sondern stand noch die ganze Nacht da. Noch ein schockierendes Erlebnis hatte Margarethe vor der Abfahrt. \u201eAls ich am n\u00e4chsten Morgen zum Markt ging, um Milch f\u00fcr die Kinder zu kaufen, kam ein Zug langsam angefahren und ich sah, wie ein Mann sich vor dem vordersten Rade auf die Schienen legte. Alle R\u00e4der gingen dann \u00fcber ihn hinweg, und als der ganze Zug vorbei war, lag er dort unbeweglich. Das war der Auftakt zu unserer Reise.\u201c (S.50)<\/p>\n\n\n\n<p>Von Seiten der Bahnverwaltung wurde noch Brot an die Reisenden verteilt, die Aues bekamen immerhin drei Roggenbrote. \u201eDie zerschnitten wir und trockneten die Scheiben in der Sonne auf dem Dach. Diesen Zwieback haben wir dann unterwegs auf den Stationen an die Hungernden verteilt.\u201c (S.50) Familie Aue reiste nicht allein in ihrem Wagen, sondern dazu kamen noch zwei estnische K\u00f6chinnen mit einem Foxterrier und ein russischer Musiker mit Frau und Kind. Auch eine etwas unangenehme Reisegesellschaft stieg sp\u00e4ter noch ein, was Margarethe folgenderma\u00dfen beschreibt: \u201eSp\u00e4ter kamen noch zwei estnische Soldaten hinzu, was \u00fcbel war, denn sie waren ganz verlaust. Das waren aber keine Kopfl\u00e4use, sondern Kleiderl\u00e4use, welche meine Mutter und mich als Beute w\u00e4hlten, und bald hatten wir rote G\u00fcrtel an unserem K\u00f6rper. Wenn unser Zug lange an einer Station stand und die M\u00e4nner den Wagen verlie\u00dfen, versuchten wir, unsere \u201aZwangsmieter* loszuwerden.\u201c (S.50)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zugreise \u00fcber Taschkent und Aralsk nach Moskau<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da der Zug lange in Taschkent stand, hatten die Aues Gelegenheit von den Pletzers und Frau Dr. Pistol Abschied zu nehmen. Von Frau Dr.Pistol erz\u00e4hlt Margarethe, dass sie mit ihrem neuen Mann, einem \u00fcberzeugten Kommunisten, nach Teheran zog, \u201e(\u2026) wo sie \u00c4rztin im Harem des Schahs wurde. Das war \u00fcbrigens der Vater des jetzigen Schahs, ein einfacher Unteroffizier, der durch einen Coup den Thron erlang.\u201c (S.50)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reise ging nur langsam voran, weil es so wenig Lokomotiven gab. Z.B. in Aralsk am Aralsee stand der Zug tagelang. Es gab ein gro\u00dfes Kirgisenlager in der N\u00e4he der Station und die Knaben der Aues haben Gelegenheit zum Kamelreiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Reisende kauften oder tauschten auch Schaffleisch ein, die Aues besorgten sich Salz, denn es mangelte in Russland an Salz.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Reisen bestand als aus ewigem Stehen und Abwarten und Max Aue versuchte, die Reise zu beschleunigen, indem er den Zugf\u00fchrer mit Waren aus Turkestan bestach. Daraufhin wurde er festgenommen, denn der Chef der Sicherheitspolizei hatte davon erfahren. \u201eNun hatten wir in unserem Transport einen jungen \u00f6sterreichischen Arzt, mit dem mein Mann im Lager zusammengearbeitet hatte. Der machte sich auf in die Tsch.K. (Sicherheitspolizei), unterhielt sich mit den Leuten und erz\u00e4hlte ihnen, er habe eine Apotheke mit verschiedenen Medizinen, die auch Spiritus und Wein enthalte, und er stehe gern zur Verf\u00fcgung.\u201c (S.51), als aber die Beamten zum Wagen des Arztes kamen, um die versprochenen \u201eHerrlichkeiten\u201c abzuholen, machte der Arzt die Freilassung Max Aues zur Bedingung und so kam der Vater zur\u00fcck zu seiner Familie. Eine andere&nbsp; &#8211; nicht ungef\u00e4hrliche &#8211; Art der Beschleunigung der Weiterfahrt durch temperamentvolle Ungarn beschreibt Margarethe noch: \u201e Als nun die ersehnte Lokomotive nach bew\u00e4hrtem Rezept zum Wasserturm fuhr, um ihren Kessel zu f\u00fcllen, um dann in h\u00f6chstem Tempo zu einem der auf den Gleisen stehenden Z\u00fcge, aber nicht in Richtung Russland, sondern in Richtung Turkestan zu sto\u00dfen, setzten sich die Magyaren auf alle Gleise au\u00dfer denen, die zu unserem Zuge f\u00fchrten, und erkl\u00e4rten, die Lokomotive k\u00f6nne nur \u00fcber ihre Leichen fahren. Das half wirklich und wir fuhren weiter in Richtung Russland.\u201c (S.51) Immer mehr Hungernde waren an den Stationen zu beobachten, die nach Turkestan reisen wollten. An einem Bahnabhang beobachtete Margarethe Frauen und Kinder, die einander lausten. \u201eSie hatten ihre D\u00f6rfer verlassen, ihr Vieh geschlachtet, die Frauen hatten die Wolle versponnen und Kleider daraus gestrickt, die Kinder hatten Wolle auf blo\u00dfem Leibe und in dieser Wolle setzten sich die Kleiderl\u00e4use besonders fest.\u201c (S.51)<\/p>\n\n\n\n<p>Wie schlimm der Hunger war, beschreibt Margarethe mit einer anderen Episode. Der Foxterrier ihrer Reisegef\u00e4hrten war gut gef\u00fcttert, da sie genug Vorr\u00e4te hatten. \u201eAls er sich nun drau\u00dfen erging, \u00fcbergab er sich. Flugs streckte ein Kind sein mageres H\u00e4ndchen nach diesem breiigen Etwas aus und steckte es in sein eigenes M\u00e4ulchen. Der Hunger war b\u00f6se.\u201c (S.51)<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderes Mal ging der Zug pl\u00f6tzlich ab und die Herren \u2013 unter ihnen Max Aue \u2013 schafften es nicht zur\u00fcck in den eigenen Wagen, was den kleinen Fedja in h\u00f6chste Aufregung versetzte. Zum Gl\u00fcck konnten sie auf den letzten Wagen aufspringen und kehrten bei der n\u00e4chsten Station zu ihren Familien zur\u00fcck, denn Durchg\u00e4nge gab es bei den Wagen nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch \u00dcberf\u00e4lle auf die Z\u00fcge waren an der Tagesordnung, aber die Aues hatten Gl\u00fcck und die sogenannten \u201eGr\u00fcnen\u201c, die aus hungernden Bauern, desertierten Soldaten und anderen R\u00e4ubern bestanden, \u00fcberfielen ihren Zug nicht. Als der Zug schlie\u00dflich an der Wolga ankam, begann es zu regnen und es stellte sich heraus, dass das Dach des Waggons nicht dicht war. Als die Reisenden in Rjasan ankamen, sollte der Wagen ausrangiert werden und alles raus in den Regen. \u201eWie h\u00e4tten wir das durchf\u00fchren k\u00f6nnen mit unserer bettl\u00e4gerigen Babuschka? Mein Mann griff wieder zu dem leider unentbehrlichen Mittel der Bestechung. Die zust\u00e4ndigen Leute bekamen die Verhei\u00dfung von Reis und Mehl, und dann waren sie es, die meinem Mann halfen, das Dach zu reparieren, und so fuhren wir in demselben Wagen weiter bis Moskau.\u201c (S-52)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ankunft in Moskau und Weiterfahrt nach Narva und Reval<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Reise von Kokand nach Moskau hatte \u00fcber einen Monat, vom 11.August bis 13.September gedauert und nun stand den Aues noch eine zw\u00f6lf Tage dauernde Reise von Moskau bis Narva bevor.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie in Moskau ankamen, wurde der Wagen an einen steilen Abhang gerollt, den Margarethes Mutter nicht erklimmen konnte. So musste sie zun\u00e4chst im Wagen gelassen werden, bevor es Max Aue gelang, dass die Bahnverwaltung den Waggon in die N\u00e4he der Stra\u00dfe bef\u00f6rderte. \u201eVon dort konnten wir zu zweit meine Mutter bis zur Stra\u00dfe geleiten und dann konnten wir sie per Droschke (Auto gab es nicht) zu der sehr lieben Schwiegermutter meiner Schwester im Zentrum der Stadt bringen, wo sie es sehr gut hatte. Der Arzt meinte, sie k\u00f6nnte nur noch einige Monate leben, aber sie hat dann in Reval noch fast vier Jahre gelebt.\u201c (S. 53) Die Aues selbst wohnten bei Margarethes Schwiegermutter und der j\u00fcngsten Schw\u00e4gerin Berta in deren Dreizimmerwohnung. Auch andere Verwandte kamen noch hinzu, u.a. der j\u00fcngste Bruder von Max, um von Mutter und Schwester Abschied zu nehmen. \u201eMeine Schwiegermutter war ein ganz besonderer Mensch, sie war immer gleichm\u00e4\u00dfig ruhig und freundlich, hat niemals etwas verlangt f\u00fcr ihre Person, auch von ihren Kindern nicht, wurde aber \u00fcber alles verehrt und geliebt von ihnen.\u201c (S. 53)<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Weiterfahrt hatte Max Aue noch viel zu erledigen. \u201eEr musste Ausfuhr- erlaubnis f\u00fcr unsere Teppiche, die in einem sogenannten diplomatischen Kurier, d. h. einer versiegelten und gestempelten Kiste, nach Estland geschickt wurden, bekommen, ebenso f\u00fcr unsere Turkestaner Bilder (ohne Rahmen), ein paar Figuren, meine Noten usw.\u201c (S.53) Vor allem musste in den Waggon der Aues ein \u00d6fchen, eine sogenannte Burschuika, eingebaut werden, denn es war nun schon Oktober und wurde kalt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir fuhren zuletzt: meine Schwiegermutter und Meta, sowie Jule Aue mit den drei Kindern hatten wir schon an den Zug begleitet, der sie nach Petersburg bringen sollte, von wo aus das Schiff nach Stettin ging.\u201c Jetzt fuhren auch Margarethe und Max Aue mit den Kindern und Margarethes Mutter los in Richtung Estland. Die Grenze ist in Jamburg und bei der gr\u00fcndlichen Grenzkontrolle wird den Aues das \u00d6fchen weggenommen und der Mutter ein Spiegel und ein Medizink\u00f6fferchen. \u201eAls wir uns am Abend Narva n\u00e4herten, hielt der Zug auf offenem Felde, in der Dunkelheit, und wir erfuhren, dass wir Scharlach- und Diphteriekranke in unserem Zug hatten, und darum erst in die Quarant\u00e4ne mussten, und zwar \u00fcbers Feld, welches mit Glatteis bedeckt war.\u201c (S.53) Mit gro\u00dfen Leiterwagen wurde das Gep\u00e4ck transportiert und es gelang Max Aue, auch seine Schwiegermutter oben auf dem Wagen zu bef\u00f6rdern. Margarethe aber schlitterte mit den Kindern an der Hand, mit Waschsch\u00fcssel und sauberer W\u00e4sche \u00fcber das Glatteis. \u201eAls wir in die Fabrikhalle der Tuchmanufaktur, welche rein, warm und hell erleuchtet war, traten, hatte ich das Gef\u00fchl, wir w\u00e4ren im Himmelreich. Nun sa\u00dfen wir und warteten, bis wir an der Reihe waren, in die Sauna zu gehen.\u201c (S.54) F\u00fcr die Nacht erhielten die f\u00fcnf Personen zwei eiserne Betten zum Schlafen. Die beiden Fabriken, eine Tuch- und eine Leinenmanufaktur geh\u00f6rten Familie Peltzer, die mit Max Aue verwandt war, denn seine Mutter war eine geborene Peltzer. Als dieser nun den damaligen Direktor, Hans Peltzer, anrief, kam bald eine Equipage, die beide M\u00fctter und die Kinder in das Krankenhaus der Leinenmanufaktur brachte. \u201eMeine Mutter wurde zu Bett gebracht, die Kinder aber nahmen ihren Sack mit Baukl\u00f6tzen hervor und nun wurde auf dem Fu\u00dfboden Zug gespielt, stundenlang, mit allem Tuten und Blasen, was dazu geh\u00f6rt.\u201c (S.54) Max Aue telegraphierte nun nach Stockholm und seine Schwester Christine \u00fcberwies den Aues einen Teil der Dollars, die f\u00fcr die Treibriemen in Amerika bezahlt worden waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gelang ihm auch, ein gro\u00dfes m\u00f6bliertes Zimmer in der N\u00e4he von Reval bei einer beg\u00fcterten \u00e4lteren Dame zu mieten, in das nun die vier Aues ziehen. Die Mutter vom Margarethe konnte in der Anstalt Seewald, die in einem Park direkt am Meer lag, der ein Geschenk des deutschen Adelsvereins gewesen war, untergebracht werden. \u201eOberarzt war Dr. Ernst von K\u00fcgelgen und einer der Haupt\u00e4rzte war Dr. Leo von K\u00fcgelgen, ein sehr sympathischer Mann, der dann meine Mutter behandelte und den sie richtig liebhatte.\u201c (S.54) Margarethe betont noch, dass die Mutter ein sehr sch\u00f6nes Zimmer bekam und sich sehr wohlf\u00fchlte. Max Aue aber richtete ein B\u00fcro im Zentrum von Reval ein und begann zu arbeiten. Margarethe erkl\u00e4rt den Hintergrund der Firmengr\u00fcndung: \u201eDie Grundlage, auf der er nun dieses Gesch\u00e4ft aufbaute, war folgende: Herr Hahr hatte in Kokand einen guten Freund gehabt, Herrn Meyerkort aus Bremen, welcher in Turkestan eine gro\u00dfe Firma besa\u00df, aber noch vor dem ersten Weltkriege nach Deutschland zur\u00fcckging. Ale er erfuhr, dass sein Freund Percy Hahr aus Moskau nach Lettland, f\u00fcr welches er optiert hatte, zur\u00fcckziehen wollte und au\u00dfer ihm noch zwei andere Bekannte aus Turkestan, Hensel und Aue, da bekam er die Idee, in den selbst\u00e4ndigen Randstaaten Firmen zu gr\u00fcnden, die sich organisieren und gleich vorsto\u00dfen sollten, wenn die Sowjetregierung gest\u00fcrzt worden war.\u201c (S.59) Damals glaubten viele, dass das bald geschehen w\u00fcrde. Max Aue machte nun sein erstes gro\u00dfes Gesch\u00e4ft mit der Sowjethandelsdelegation in Estland mit Reis von Meyerkort in Bremen. Auch Familie Hahr zog mit ihren f\u00fcnf Kindern von Moskau nach Riga. Max Aue \u00fcberwies ihnen die H\u00e4lfte der Dollars, so dass sie eine Wohnung mieten und die Kinder einkleiden und einschulen konnten. Herr Hensel und Frau zogen jetzt ebenfalls aus Russland nach Reval. \u201eEs wurde nun geplant, dass mein Mann als der J\u00fcngste und Sprachenkundigste nach Finnland ziehen sollte und versuchen, dort eine entsprechende Firma unter dem Namen \u201aHahr, Hensel &amp; Co.\u2018 zu gr\u00fcnden.\u201c (S.60) Aber zuvor verbrachte Familie Aue noch einen Sommer in Hapsal in einem m\u00f6blierten Sommerhaus. Margarethes Mutter bekam eine Schlammbehandlung, die ihr gut tat, und die Kinder hatten nun Gesellschaft. \u201eIm oberen Stock gab es ein nettes Zimmer, das wir einer meiner sehr lieben Moskauer Bekannten, Frl. Olga Luther zur Verf\u00fcgung stellten. Ihr Bruder, der Advokat Alexander Luther in Moskau, war im Kriege in Prjemyscl an Typhus gestorben, seine Frau bald darauf an den Folgen einer Operation und Olga Luther nahm die beiden Waisen zu sich, ging nach Reval, wo sie Verwandte hatte, und ist ihnen eine treue Mutter gewesen.\u201c (S.59) Nun konnten alle noch in Hapsal einen sch\u00f6nen Sommer gemeinsam erleben, die Kinder lernten hier u.a. das Paddeln, das ihnen viel Spa\u00df bereitete.<\/p>\n\n\n\n<p>Max Aue zog im Herbst schon nach Helsinki, wo er ein Kontor und eine Wohnung mieten wollte. Margarethe aber musste wieder packen. \u201eDas war nicht einfach, denn die estnische Hafenverwaltung verlangte, dass jedes Kolli eine H\u00fclle besa\u00df, Wachstuch oder Papier, auf der eine Nummer deutlich sichtbar gemalt war. Zum Gl\u00fcck hatte ich Hilfe von einem Deutschrussen aus Moskau, fr\u00fcherer Besitzer des Hotels Berlin.\u201c (S.59)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von Estland nach Helsinki \u2013 die neue Heimat<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Aues hatten sich wohlgef\u00fchlt in Estland und der Abschied f\u00e4llt ihnen nicht leicht. \u201eWir nahmen mit Bedauern Abschied von dem sympathischen L\u00e4ndchen mit seiner flei\u00dfigen, ehrlichen, sauberen und musikalischen Bev\u00f6lkerung, welche in der kurzen Zeit ihrer politischen Befreiung ganz bedeutende Fortschritte machte. Wir empfanden ihr gegen\u00fcber Dankbarkeit f\u00fcr das freundliche Entgegenkommen und genossen das Gef\u00fchl der Freiheit.\u201c (S. 59)<\/p>\n\n\n\n<p>Max Aue war es inzwischen gelungen, ein Kontor zu mieten in der L\u00f6nnrotsgatan, aber eine Wohnung zu finden war schwierig. F\u00fcr den Anfang mietete er nun ein gro\u00dfes Zimmer bei einer deutschen Dame aus Dorpat und Margarethe konnte sich dann um die Wohnungssuche k\u00fcmmern. Es war ein \u201eSalon mit Rotholzm\u00f6beln und Kristallkrone, aber sie wagte es, zwei Knaben zu nehmen. Ich habe Angst ausgestanden wegen Teppichen und Damastbez\u00fcgen aber es ging gl\u00fccklich ab.\u201c (S.60)<\/p>\n\n\n\n<p>Nun musste Fedja eingeschult werden, er kam in die A-Klasse der Deutschen Schule, und Schurik kam in den deutschen Kindergarten. Schlie\u00dflich fand sich eine Zweizimmerwohnung f\u00fcr die Aues, obwohl es schwieriger war, zu mieten als etwas zu kaufen. \u201eWir entschlossen uns, eine m\u00f6blierte Zweizimmerwohnung mit K\u00fcche, ohne Badezimmer, in Brunnsparken neben der sogenannten Marmorvilla, in einem sch\u00f6nen Garten und mit einem riesigen Balkon zu mieten.\u201c (S.60) F\u00fcr die Kinder war die Umgebung wunderbar, denn sie konnten im Park spielen. Beim Anmieten der Wohnung traf Margarethe auf einige Vorurteile: \u201eDie Villa geh\u00f6rte Direktor Kaarlo Kaira, der nachher Professor wurde, ein bekannter Spezialist f\u00fcr internationales Recht. Damals musste ich mich ihm pers\u00f6nlich vorstellen, bevor er sich entschloss, uns die Wohnung zu vermieten, denn wir kamen aus Russland und waren gewisserma\u00dfen suspekt. Wir waren aber Deutsche und damals, nach dem ersten Weltkrieg, war die Stimmung in Finnland sehr deutschfreundlich.\u201c (S. 60)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Situation der Deutschen Schule Anfang der 20er Jahre in Helsinki beschreibt Margarethe Aue genau: \u201eDie Lokalit\u00e4ten der Deutschen Schule waren ungeheuer primitiv. Die unteren Klassen logierten in einem einst\u00f6ckigen Holzhause, Unionsgatan 10, die oberen Klassen, damals wohl F\u00fcnf, Sechs und Sieben, in einem einst\u00f6ckigen Holzhause an der Ecke der S\u00f6dra Magasinsgatan und des S\u00f6dra Kajen. Dort gab es keinen Saal und wenn das Wetter gut war, konnten sich die Sch\u00fcler auf dem Observatoriumsberge ergehen. Wenn die Pause zu Ende war, kam Mama Rein mit einer gro\u00dfen Glocke an die Stra\u00dfenecke und l\u00e4utete kr\u00e4ftig, um die Sch\u00fcler zur\u00fcckzurufen.\u201c (S.60)<\/p>\n\n\n\n<p>Aber eine kurze Zeit nach Ankunft der Aues wurde ein neues, vierst\u00f6ckiges Geb\u00e4ude auf dem Grundst\u00fcck des Deutschen Vereins errichtet und als auch dieses Geb\u00e4ude zu klein wurde, musste noch eine Wohnung auf der S\u00f6dra Magasinsgatan dazu gemietet werden, \u201edas sogenannte \u201aSchloss\u2018, denn es gab dort gewaltige Marmor\u00f6fen mit Spiegeln.\u201c (S.60) Die heutige Deutsche Schule an der Malminkatu wurde 1932\/ 33 errichtet. Margarethe kommentiert:\u201c Die Deutsche Schule erreichte unter Rektor Kr\u00e4mer, der 15 Jahre lang in Helsingfors t\u00e4tig war, ein hohes Niveau mit teils einheimischen, teils reichsdeutschen Lehrkr\u00e4ften.\u201c (S.61)<\/p>\n\n\n\n<p>Vom weiteren Bildungsweg ihrer S\u00f6hne berichtet Margarethe, dass Fedja (Theodor) nach bestandenem Abitur an die finnische Handelshochschule ging und diese abgeschlossen hatte, als der Winterkrieg ausbrach. Er tritt sp\u00e4ter in die Fu\u00dfstapfen des Vaters und \u00fcbernimmt die Firma. Schura (Alexander) dagegen musste mehrfach sein Studium unterbrechen wegen der Kriege, er begann an der \u00c5bo-Akademi und beendete es an der Technischen Hochschule in Helsinki mit dem Spezialfach Metallurgie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Familie Aue ist sechsmal in Helsinki umgezogen, bevor sie 1956 endlich in die eigene Wohnung in Munkkiniemi\/ Munksn\u00e4s einziehen konnte. \u201eBis dahin hatten wir aus Sparsamkeitsgr\u00fcnden immer Wohnung und Kontor zusammen gehabt\u201c, betont Margarethe (S.61).<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Firma hie\u00df schon lange OY Max Aue AB, denn Herr Meyerkort hatte sich zur\u00fcckgezogen, als er sah, dass die Sowjetunion gesiegt hatte. \u201eMeinem Mann gelang es, die Firma Max Aue zu einer allgemein anerkannten und geachteten Firma zu entwickeln.\u201c (S.61) Als Nachfolger tritt sein Sohn Theodor sp\u00e4ter in die Firma ein. \u201eAls er dank seinem hohen Alter die Arbeit aufgeben musste, konnte er sein Werk ruhig der Leitung seines Sohnes Theodor \u00fcberlassen, der die Firma bedeutend ausgebaut und vergr\u00f6\u00dfert hat.\u201c (S.61)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Familienleben ist der rege Kontakt mit den Verwandten in Stockholm bereichernd und eine Unterst\u00fctzung. \u201eSehr bereichernd f\u00fcr unser Leben in Helsingfors war der Verkehr mit meiner Schwiegermutter und meinen Schw\u00e4gerinnen in Stockholm, besonders mit den beiden J\u00fcngsten, Christine und Meta, die beide meinen Mann \u00fcberlebten. Wir waren \u00f6fters dr\u00fcben und sie in Helsingfors. Auch meine Schwiegermutter war einen Sommer bei uns auf Deger\u00f6. Sie war gl\u00fccklich, wenigstens einen ihrer f\u00fcnf S\u00f6hne in der N\u00e4he zu haben.\u201c (S.61)<\/p>\n\n\n\n<p>Als in der Kriegszeit kaum Lebensmittel in Helsinki vorhanden sind, hilft die Familie in Stockholm. \u201eSie halfen nicht nur uns, sondern auch den Notleidenden im Deutschland der Nachkriegszeit. Auch wir halfen mit Paketen, aber besonders interessierte mein Mann sich f\u00fcr das Schicksal der Wolgadeutschen und die Deutsche Gemeinde unterst\u00fctzte ihn bei dieser Hilfst\u00e4tigkeit.\u201c (S.61)<\/p>\n\n\n\n<p>Margarethe betont abschlie\u00dfend, wie viele Ehren\u00e4mter ihr Mann in der Deutschen Schule, Deutschen Bibliothek und Deutschen Gemeinde bekleidet habe. Hier muss hinzugef\u00fcgt werden, dass auch Margarethe selbst z.B. im Diakoniebereich der Deutschen Gemeinde sehr aktiv war und im Vorstand der Deutschen Schule war. Max Aue starb 1966 und Margarethe Aue 1983 und Margarethes eigene Worte k\u00f6nnen sicher auf das Leben beider Aues bezogen werden: \u201e(\u2026) ein Leben, das sehr bewegt und auch nicht leicht gewesen war, aber reich an Inhalt, an Initiative, an geistigen Interessen, an G\u00fcte und st\u00e4ndiger Hilfsbereitschaft.\u201c (S.62)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Luise Liefl\u00e4nder-Leskinen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dr. phil. Luise Liefl\u00e4nder- Leskinen ist Germanistin mit langj\u00e4hriger T\u00e4tigkeit als Dozentin f\u00fcr Deutsch an den finnischen Universit\u00e4ten Oulu, Turku und Ost-Finnland (Joensuu und Savonlinna). Seit 2014 ist sie Vorsitzende des Verbandes der finnisch-deutschen Vereine in Finnland.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Margarethe Aue \u2013 Lebenserinnerungen<\/em>, ed. Luise Liefl\u00e4nder Leskinen, ist in der Ver\u00f6ffentlichungsreihe der Aue-Stiftung im Jahr 2023 erschienen. Das Buch ist&nbsp;<a href=\"https:\/\/kirjakauppa.bod.fi\/margarethe-aue-9789527283172\">hier<\/a>&nbsp;zu kaufen und&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.aue-stiftung.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/MargaretheAue-kirja29677.pdf\">hier<\/a>&nbsp;als pdf-Datei zu lesen.<\/p>\n","protected":false},"template":"","categories":[],"tags":[],"class_list":["post-2659","blog-post","type-blog-post","status-publish","hentry"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Luise Liefl\u00e4nder-Leskinen: Margarethe Aue \u2013 von Riga \u00fcber Moskau, Kokand und Tallinn nach Helsinki (2\/2) &#183; Aue-Stiftelsen<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.aue-stiftung.org\/sv\/blog\/luise-lieflander-leskinen-margarethe-aue-von-riga-uber-moskau-kokand-und-tallinn-nach-helsinki-2-2\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"sv_SE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Luise Liefl\u00e4nder-Leskinen: Margarethe Aue \u2013 von Riga \u00fcber Moskau, Kokand und Tallinn nach Helsinki (2\/2) &#183; Aue-Stiftelsen\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Geschichte einer Kosmopolitin vor hundert Jahren\u2026 Teil 2 Neue Gesch\u00e4fte und Herausforderungen Max Aue versuchte sich nun als Lederfabrikant, denn Lederstiefel wurden gebraucht: \u201cF\u00fcr meinen Mann galt es nun, ein neues Arbeitsfeld zu finden, und zwar am liebsten eines, welches f\u00fcr die Verwaltung notwendig und wichtig war. 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