Dieter Hermann Schmitz: Die Deutschen sind alle Patrioten

Im August dieses Jahres verbrachte ich eine Woche in Lübeck, um dort an der IDT (Internationale Deutschlehrertagung) teilzunehmen. Dabei fiel mir ein weiteres Mal auf, was ich bereits mehrfach bemerkt hatte: Die Deutschen sind alle Patrioten!

Während der Eröffnungsveranstaltung sprachen zwei Mitorganisatoren der Tagung, die in Lübeck geboren oder aufgewachsen waren, und die in ihrem Grußwort nicht müde wurden zu betonen, wie wunderbar Lübeck sei: welche Sehenswürdigkeiten sie beherberge, was für kulinarische Spezialitäten es gäbe, welche großen Söhne und Töchter die Stadt hervorgebracht habe, wie schön die heimische Mundart klingen würde und wie nett und weltoffen die Bewohner Lübecks doch seien. Im Anschluss sprach ein Vertreter der Landesregierung, der Ähnliches anklingen ließ und am Ende seiner kurzen Rede sogar ein Gedicht vortrug, das die landschaftlichen Schönheiten Schleswig-Holsteins in den poetischsten Worten malte und vor Heimatliebe geradezu überschäumte.

Nach der IDT verbrachte ich privat ein paar Tage in Hamburg und nahm dort an einer Hafenrundfahrt, an einer Bus-Tour durch die Innenstadt sowie an einer Rathaus-Führung teil. Bei diesen drei Gelegenheiten begegnete ich stets Reiseführern, die von ihrer Stadt in den höchsten Tönen sprachen: welch glorreiche Geschichte sie habe, wie wirtschaftlich stark sie sei, was für ein reichhaltiges kulturelles Angebot sie biete, wie international und interessant Hamburg sei und wie herrlich es sich hier leben ließe. Ihre Darbietungen klangen ehrlich und mit Herzblut vorgetragen, und keineswegs wie Ohnsorg-Theater.

Ich bin mir sicher: Die Deutschen sind alle Patrioten. Jedenfalls die meisten. Aber einschränkend muss man wohl sagen: Die Deutschen sind alle Lokalpatrioten. Es fällt ihnen in der Regel nicht schwer, enge emotionale Bindungen zu ihrer Heimatstadt oder -region aufzubauen, egal ob sie aus Lübeck oder Freiburg kommen, aus Leipzig oder Köln. Und diese Zuneigung bekennen sie gerne auch öffentlich, mit Stolz erzählen sie, dass sie aus Vorpommern stammen oder dem Saarland, aus Nordfriesland oder Mittelfranken. 

Was den Deutschen – ganz im Gegensatz zu den Finnen – weitgehend abgeht, ist eine ähnliche starke Gefühlsbindung an das gesamte Land. Und wenn es diese doch gibt, so gilt sie gleich als stramme Vaterlandsliebe altmodischer Prägung mit chauvinistischen Zügen.

Star-Comedian Jens Heinrich Claassen sorgte für viele Lacher.

Nun ist Deutschland seit vielen Jahrhunderten ein Gebilde kleinräumiger Gliederung mit ausgeprägten Regionalismen, aber Hauptgrund für die genannte Eigenart sind sicherlich die historischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts: zwei Weltkriege, Nazi-Terror und eine 40-jährige staatliche Teilung, deren Folgen bis heute nicht völlig überwunden sind. Sie verhindern bis heute, dass die Deutschen am Tag der deutschen Einheit (3.10.) ähnliche Gefühlsregungen empfinden wie die Finnen an ihrem Unabhängigkeitstag (6.12.). Für die meisten Deutschen ist der 3. Oktober schlichtweg ein arbeitsfreier Tag, mit dem sie wenig anzufangen wissen.

Dem zum Trotz ist es beim Finnisch-Deutschen Verein Tampere seit 2020 zu einer Tradition geworden, den Tag der deutschen Einheit festlich zu begehen – vielleicht weil Finnen und Auslandsdeutsche viele Dinge mit größerer Weitsicht betrachten können. In den vergangenen Jahren ist dies in unterschiedlichen Formaten geschehen, z.B. mit einer Schokoladenverköstigung aus Ost und West (2023) oder mit einer Puppentheater-Aufführung von Goethes Faust (2021), immer aber mit Speis und Trank, guter Laune und vielen Teilnehmern.

Im Oktober 2025 feierte der FDV Tampere mit einwöchiger Verspätung, am Freitag, dem 10.10., diesmal in einem Saal der Landwirtschaftsschule Ahlman, der mit fast 100 Gästen bis auf den letzten Platz gefüllt war. Besonders gefreut haben wir uns über den Besuch des deutschen Botschafters Stephan Auer sowie von Vertretern der Stadt Tampere.

Für kabarettistische und musikalische Unterhaltung sorgte an diesem Abend der Star-Comedian Jens Heinrich Claassen – übrigens bekennender Lokalpatriot aus Münster. Der Besuch des Künstlers wurde großzügig durch die Aue-Stiftung unterstützt und möglich gemacht.

Die scheidende Leiterin des Deutschen Kulturzentrums Tampere Claudia Daems und der FDV-Vorsitzende Dieter Hermann Schmitz.

Ein weiterer wichtiger Anlass zum Feiern war die Verabschiedung von Claudia Daems, die von 2020 bis 2025 das Deutsche Kulturzentrum Tampere leitete. Claudia wurde vom Vereinsvorstand, den Mitgliedern, vielen Weggefährten und Kolleginnen sowie von ehemaligen Schülerinnen, Schülern und Studierenden mit herzlichen Worten des Dankes und vielen guten Wünschen in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet.

Zugleich fand an diesem Abend auch die symbolische Stabübergabe an Juliane Mikkonen statt, die im September 2025 die Leitung des DKT übernommen hat (siehe Porträttexte).

Dieter Hermann Schmitz

Der Verfasser ist Vorsitzender des Finnisch-Deutschen Vereins Tampere. Der Verein ist zugleich Träger des Deutschen Kulturzentrums Tampere, das als Dauerprojekt seit 1998 besteht.

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Claudia Daems wurde in Leipzig geboren, wo sie auch studierte und als Deutsch- und Geschichtslehrerin arbeitete. Ende der 1980er Jahre durfte sie wegen der Ehe mit einem finnischen Mann aus der DDR ausreisen und wurde im Raum Tampere heimisch.

In ihrer langen Karriere als Sprachlehrerin war sie für private Sprachenschulen tätig, für Sommerkurse, die Universität Tampere, das Goethe-Institut, verschiedene Zentren für Erwachsenenbildung sowie viele Jahre lang für die Fachhochschule TAMK in Tampere. Bei TAMK war sie auch als Projektkoordinatorin tätig und leitete mehrere EU-Langzeit-Projekte, u.a. SPIK (Sprachhandeln in Konfliktsituationen) und ADOK (Automatisierung und Deutsch im Onlinekurs), die mehrfach ausgezeichnet wurden.

Von 2020 bis 2025 war sie Leiterin des Deutschen Kulturzentrums Tampere (DKT). In diesen Jahren organisierte Claudia eine Vielzahl von Kulturveranstaltungen und Begegnungen, unter denen die Deutschen Kulturtage 2021/22 mit Jazzkonzerten, Fotoausstellung, Theater- und Ballettaufführungen sowie im Sommer 2025 die Grafikbiennale „Feuer, Feuer!“ mit reichhaltigem Begleitprogramm besonders herausragen.

Claudia lebt mit ihrem Mann Roger in Lempäälä bei Tampere und ist stolze Großmutter zweier leiblicher und mehrerer „Bonus-“Enkelkinder.

Die neue Leiterin des Deutschen Kulturzentrums Tampere DKT, Juliane Mikkonen. Foto: © Carolin Büttner

Juliane Mikkonen (geb. Ritzka) stammt aus Göttingen in Niedersachsen. Sie studierte Theaterwissenschaft, Komparatistik und Europäische Ethnologie in München. Seit 2012 lebt sie in Finnland. 2019 startete sie gemeinsam mit Nina Weber in Tampere die monatliche Vorlese- und Bastelstunde für Kinder, die bis heute erfolgreich fortgeführt wird. 2021 inszenierte und produzierte sie ihr Monologstück „Liebe(s) Europa“ in Zusammenarbeit mit dem DKT. Seit einigen Jahren ist sie zudem als Kassenwartin des FDV Tampere tätig. Nach vielen Jahren in Tampere lebt Juliane seit rund zwei Jahren mit ihrem Mann, drei Kindern und Hund in Helsinki. Sie pendelt nun zwischen ihrer Tätigkeit als Theaterproduzentin in Helsinki und ihrer Leitungsstelle am DKT zwischen Helsinki und Tampere und freut sich darauf, in beiden Städten Kulturarbeit leisten zu können.