Liisa Lahdelma: Beziehungen zwischen der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands und den protestantischen Kirchen Ostdeutschlands während des Kalten Krieges

In diesem Forschungsprojekt befasse ich mich mit den Beziehungen zwischen der evangelisch-lutherischen Kirche Finnlands und den protestantischen Kirchen Ostdeutschlands während des Kalten Krieges. Ich konzentriere mich insbesondere auf die Endphase des Kalten Krieges in den 1970er und 1980er Jahren.

Über die diplomatischen Beziehungen Finnlands zu beiden deutschen Staaten ist viel geschrieben worden, aber die Beziehungen zwischen den Kirchen sind bisher wenig untersucht worden. Meine Forschung wird nun diese Lücke füllen.

Die finnische Gelehrsamkeit hat nicht nur europäische, sondern insbesondere deutsche Wurzeln. Die Finnen studieren seit dem 15. Jahrhundert Theologie in Deutschland. Mit der Reformation wurden deutsche Universitäten für finnische Theologen zu den wichtigsten höheren Bildungsstätten. Fast die gesamte Theologie kam aus Deutschland, und Deutsch war bis zum Zweiten Weltkrieg die Hauptsprache der finnischen Theologen.

Bundesarchiv Berlin Lichterfelde. Foto: Liisa Lahdelma

Die Kirche unterhielt während des gesamten Kalten Krieges Beziehungen zu den protestantischen Kirchen in West- und Ostdeutschland. Es gab Kontakte sowohl auf der höchsten kirchlichen Führungsebene als auch auf der Graswurzelebene der Kirche, d.h. über die offiziellen Führungsebenen hinaus, beispielsweise auf der Ebene der Gemeindemitglieder. Bis Anfang der 1980er Jahre wurden ökumenische Beziehungen, die die Einheit zwischen verschiedenen Religionen fördern, hauptsächlich von der höchsten Führungsebene der Kirche gepflegt. Dafür war der Ausschuss für Außenbeziehungen der Kirche (Kirkon ulkoasiain toimikunta) zuständig, der die Besuche der Bischöfe organisierte. Eine weitere hochrangige Organisation war der Nordisch-Deutsche Kirchenkonvent und später der Sozialausschuss der Kirche (KYT, Kirkon yhteiskunnallinen toimikunta). Kontakte wurden auch bei den Treffen des Ökumenischen Rates Finnlands und des Lutherischen Weltbundes gepflegt.

Die wenigen Studien, die es über die Beziehungen zwischen der finnischen Kirche und den protestantischen Kirchen der beiden deutschen Staaten gibt, konzentrieren sich entweder auf die 1940er Jahre oder auf die Beziehungen der höheren Kirchenhierarchie.

Die Beziehungen zwischen einzelnen Kirchen, Gemeinden oder Einzelpersonen auf der Graswurzelebene wurden bislang noch nicht untersucht. Besonders interessant sind die Beziehungen auf der Graswurzelebene zu den Christen in der DDR. In Zeitzeugeninterviews und Archivdokumenten werden vielfältige Kontakte erwähnt. Darunter waren Besuche von Jugendorganisationen und Jugendarbeitern, Einzelbesuche in der DDR und aus der DDR zu Kirchenversammlungen, Besuche von Kirchenchören und die Teilnahme an theologischen Konferenzen. Warum wurden diese interessanten Beziehungen  auf der Graswurzelebene dann nicht untersucht? Es gibt einen offensichtlichen Grund dafür. Bislang sind davon weit weniger Spuren erhalten geblieben als von Beziehungen auf höherer Hierarchieebene – beispielsweise einige Reiseberichte.

Neuere Literatur betont die Bedeutung der Kirchen als Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bei der Entspannung. Sie konnten in der internationalen und grenzüberschreitenden Politik agieren und persönliche Beziehungen über politische Grenzen hinweg aufbauen. Sie bemühten sich um Unparteilichkeit, ihre Beziehungen waren nicht direkt von der Politik der Regierung abhängig, und sie verteidigten als Grundprinzip die Menschenrechte. Die ökumenischen Beziehungen boten auch den in Diktaturen lebenden Christen einen internationalen Kontext, in dem sie Solidarität erfahren konnten.

Auch wenn über die Aktivitätät finnischer Christen auf der Grawurzelebene noch wenig bekannt ist, ist sie doch ein äußerst interessantes Forschungsthema. Internationale Studien zeigen, dass kirchliche Akteure auf der Graswurzelebene eine wichtige Rolle spielten. Dies zeigt sich beispielsweise in den Beziehungen zwischen den Protestanten in den Niederlanden und Ostdeutschland.

In Finnland nahmen die Kontakte auf der Graswurzelebene Anfang der 1980er Jahre zu. Die Dokumente zu diesen Kontakten müssen noch untersucht werden. Neue Quellen könnten sich in deutschen und finnischen Archiven finden, da ein Teil des Archivmaterials erst in den letzten Jahren aus der Geheimhaltung entlassen wurde. Die Archive können nun neue Informationen über die Aktivitäten der Kirchen während des Kalten Krieges offenlegen.

In meinem Forschungsprojekt frage ich beispielsweise, inwieweit die Kontakte der Kirchen die polarisierte Weltordnung widerspiegelten. Wie wirkten sich die politischen Realitäten des Kalten Krieges auf sie aus? Hat die finnische Kirche die Möglichkeit genutzt, als Organisation der Zivilgesellschaft zu agieren? Wie stand die ostdeutsche Regierung zu den Kirchen und ihren finnischen Kontakten?

Im Frühjahr 2025 unternahm ich meine erste Forschungsreise nach Deutschland. Ich habe unter anderem Dokumente im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (Archiv des Staatssekretärs für Kirchenfragen) und im Evangelischen Zentralarchiv Berlin (EZAB) (Reiseberichte) sowie im Landeskirchlichen Archiv Dresden (Reiseberichte) untersucht. Ich habe auch finnische Geistliche interviewt, die während des Kalten Krieges in der Auslandsarbeit der finnischen Kirche in Deutschland tätig waren. Außerdem habe ich Christen interviewt, die als Vermittler zwischen den Kirchen der DDR und finnischen Christen fungierten.

Interviews mit Zeitzeugen haben bereits neue Erkenntnisse gebracht. Durch die Interviews habe ich verstanden, dass wichtige Informationen über die Beziehungen zwischen den Kirchen mit dem Älterwerden der Zeitzeugen verloren gehen könnten. Durch die Interviews wurden immer mehr zentrale Personen gefunden, die wertvolle Informationen für die Forschung liefern könnten. In den Archiven gibt es auch noch viel zu entdecken, sowohl in Deutschland als auch in Finnland. All dies vermittelt den Eindruck, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um Antworten auf die Frage nach der Bedeutung der Kirche während des Kalten Krieges zu suchen.

Die Welt hat sich im Laufe der Jahrzehnte verändert. Die Forschung hat nun ihren Blickwinkel erweitert und versucht, die Hintergründe, Motive, den Kontext und mögliche Verzerrungen der Quellen auf einer vielschichtigen Ebene zu verstehen. Möglicherweise lässt dies unsere gewohnte Welt in einem anderen Licht erscheinen. Das wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen.

Ich möchte der Aue-Stiftung herzlich für die mir gewährte Unterstützung für mein Forschungsprojekt danken. Die erhaltene Förderung ist von großer Bedeutung für den Fortschritt meiner Arbeit.

Liisa Lahdelma

Liisa Lahdelma, MTh, MD, PhD, ist Doktorandin an der Theologischen Fakultät der Universität Helsinki. Ihre Forschungsgebiete sind die Beziehungen zwischen der finnischen Kirche und den protestantischen Kirchen beider deutscher Staaten während des Kalten Krieges.

Wenn jemand Hinweise über interessante Materialien oder Zeitzeugen geben kann, die bereit sind, sich für das Projekt interviewen zu lassen, würde sie sich über eine Kontaktaufnahme freuen: liisa.lahdelma@helsinki.fi.