Suvi Aaltonen: Storytelling im Gesundheitswesen

Suvi Aaltonen

Wenn wir an Gesundheitswesen und Krankenhäuser denken, kommen uns oft Zahlen, schwer verständliche Diagnosen und Fachsprache in den Sinn. Wir denken nicht unbedingt darüber nach, wie wichtig das Storytelling in der Kommunikation im Gesundheitswesen ist. Tatsächlich helfen uns Geschichten im Leben dabei, Sachverhalte miteinander zu verknüpfen, Werte daraus zu lernen und Handlungsmuster zu verstehen. Wir sind daran seit unserer Kindheit gewöhnt: Wir hören Abendgeschichten, schauen Fernsehserien und Filme oder lesen Bücher. Im Kern sind es Geschichten, die Identifikationsmöglichkeiten schaffen.

In früheren Kursen an der Universität Oulu im Fach „Deutsche Sprache und Kultur“ habe ich mich mit der Analyse der Gesundheitskommunikation aus der Perspektive der Unternehmenskommunikation befasst, was einer der Gründe für mein Interesse an der Gesundheitskommunikation ist. Als ich über das Thema meiner Masterarbeit nachdachte, kam ich zu dem Schluss, dass öffentliche Gesundheitsorganisationen ein natürliches Forschungsobjekt für mich sind.  Soziale Medien und insbesondere Instagram spielen aus Sicht der Unternehmenskommunikation eine besondere Rolle in der Kommunikation der Organisationen. Davon inspiriert habe ich mich damit beschäftigt, welche Art von Kommunikation öffentliche Universitätskliniken auf ihren Instagram-Konten betreiben. Instagram ist eine Plattform, die visuelles und emotionales Kommunizieren in den Vordergrund stellt; das hat mich dazu veranlasst, darüber nachzudenken, wie Krankenhäuser versuchen, Geschichten und Images über sich selbst und Gesundheitsthemen zu vermitteln.

In meiner Arbeit, für die ich kürzlich den auf zwei Personen aufgeteilten Forschungspreis der Aue-Stiftung für Qualifikationsarbeiten bekommen habe, untersuche ich die Instagram-Kommunikation von vier deutschen Universitätskliniken, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Universitätsklinikum Heidelberg, LMU Klinikum und Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, aus der Perspektive des Storytellings. Diese Institutionen wurden ausgewählt, weil sie – laut einer Rangliste – zu den besten Krankenhäusern in Deutschland gehören und eigene Instagram-Profile haben, die vom Instagram-Account der Universität getrennt sind. Ich untersuche Storytelling im Hinblick auf die narrativen Elemente Chronologie, Kausalität, Emotionalisierung und Rollen sowie Visualisierung. Da Storytelling ein häufig verwendeter und vieldeutiger Begriff ist, definiere ich ihn in meiner Arbeit als strategisches Kommunikationsmittel, das die oben genannten Kommunikationselemente nutzt, um bestimmte Ziele zu erreichen.  Bei der Untersuchung der Kommunikation und ihrer narrativen Elemente stellte ich fest, dass diese Elemente strategisch genutzt wurden, um den Alltag des Personals und einzelne Patientengeschichten zu präsentieren und ein Bild davon zu vermitteln, um was für eine Organisation es sich tatsächlich handelt. Auffällig war, dass Patientengeschichten als Emotionalisierung im Untersuchungsmaterial deutlich seltener zu finden waren, als ich zu Beginn meiner Untersuchung angenommen hatte. Am häufigsten fanden sich narrativ dargestellte Einblicke zur Repräsentation der jeweiligen klinischen Tätigkeitsfelder der Protagonisten. Narrative Elemente tragen somit essentiell zur Markenbildung im Gesundheitssektor bei. Ich begann darüber nachzudenken, welchen Zweck das Storytelling in Bezug auf öffentliche Gesundheitsorganisationen in der Gesellschaft tatsächlich hat.

Mittel des Storytellings werden genutzt, um Vertrauen und Fachkompetenz aufzubauen, aber auch um die Marke einer Organisation zu stärken. Der Zusammenhang zwischen Storytelling und Branding ist ebenfalls sehr wichtig, da Organisationen potenziellen neuen Mitarbeitern ein bestimmtes Bild von sich vermitteln möchten. Andererseits haben die sozialen Medien während der Covid-19-Pandemie ein großes Misstrauen gegenüber Gesundheitsorganisationen in der Gesellschaft verbreitet, was die gesellschaftliche Notwendigkeit verstärkt, darüber zu diskutieren, wie Vertrauen aufgebaut und wie gesellschaftliche Haltungen und Meinungen positiver beeinflusst werden können. Das Erzählen von Geschichten ermöglicht es einerseits, sich der Bevölkerung näherzubringen. Die Ergebnisse und das Thema meiner Arbeit eröffnen auch die Möglichkeit für eine breitere gesellschaftliche Diskussion: Auch wenn sich meine Arbeit auf die Untersuchung von vier deutschen Universitätskliniken konzentriert, lassen sich die Ergebnisse und Schlussfolgerungen auch auf andere gesellschaftliche Organisationen übertragen.

Ich bin der Meinung, dass die strategische Nutzung narrativer Elemente in der öffentlichen Kommunikation Möglichkeiten für eine neue Art der Diskussion eröffnet. Storytelling ist also nicht nur das Erzählen von Geschichten, sondern eine Möglichkeit, Vertrauen und Menschlichkeit in einer Welt aufzubauen, in der Menschen mehr als je zuvor verständliche Kommunikation brauchen.

Suvi Aaltonen ist eine der beiden Preisträgerinnen für den Forschungspreis (Linie „Abschlussarbeiten“) der Aue-Stiftung 2025.

Herzlichen Glückwunsch!